Dienstende um Mitternacht
-Neuer Roman mit dem Münchner Zollfahnder Hans König-
Er stand gedankenverloren auf dem menschenleeren Bahnsteig an der Donnerberger Brücke und wartete auf den letzten Zug, der ihn nach Hause bringen sollte. Es war der erste Januar kurz vor Mitternacht. Gut, dass er bei der Silvesterparty zu der ihn seine getrenntlebende Frau Gaby eingeladen hatte, kaum was getrunken hatte. Nach allem was sie mit ihm schon mitmachen musste, war er auf Wiedergutmachung aus. Sie liebte ihn doch auch noch, da war er ganz sicher, zumindest an guten Tagen. Der Wind pfiff eiskalt über die Gleise, er fror in seiner viel zu dünnen Lederjacke und ärgerte sich über die 3o-minütige Verspätung. „Jedes Mal dasselbe und immer dann, wenn ich wirklich froh wäre nach so einer Stress-Schicht heim zu kommen“, dachte Hans König als sich eine Gestalt direkt vor ihm aufbaute. „Wo kommt der denn auf einmal her, hab den gar nicht kommen sehen“. „Geld, Handy“, zischte der komplett in schwarz Gekleidete in gebrochenen deutsch unter der Kapuze seines Hoodies hervor. „Der hat mir gerade noch gefehlt“, dachte König, der sich immer noch fragte, wieso er den Kerl erst so spät bemerkte. „Okay, Okay“, rief König während er beschwichtigend die Hände hob. „Go ahead, gimme money, schnell, schnell“, rief der Mann ungeduldig und schlug König mit der flachen Hand vor die Brust. Der wich zurück, zog seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche und hielt ihn dem Angreifer zögernd hin. Als der zugreifen wollte, ließ er ihn unvermittelt fallen und versetzte dem Mann einen Fußtritt in den Unterleib. Gerade als er nachsetzen wollte, richtete der sich wieder auf und löste die Arretierung seines verdeckt gehaltenen Springmessers. Als König das typische Klickgeräusch hörte war es zu spät zum Weglaufen. Plötzlich ein spitzer Schrei, „Lassen Sie den Mann in Ruhe! Hilfe Polizei!“ Der Räuber erstarrte, steckte blitzschnell sein Messer weg und sprintete davon. König fuhr herum und blickte in das empörte Gesicht einer etwa 65-jährigen Dame. Wie aus dem nichts stand sie da in ihrem blauen Dirndl, auffälligen roten Anorak und einem dazu völlig unpassenden grünlichen Tirolerhut auf dem Kopf. Böse funkelte sie König aus ihren weit aufgerissenen Augen an. „Sie bleiben hier, bis die Polizei da ist, sonst…“ bedrohlich schwang sie ihre Handtasche.
Im selben Moment rollte die S-Bahn ein und kam mit quietschenden Bremsen zum Stehen. König, der vor Anspannung zitterte, ließ die aufgebrachte Frau stehen und sprang in den Zug. Er dachte kurz daran auszusteigen, um der am Bahnsteig wild telefonierenden Dame die Sache zu erklären. Eigentlich war er ihr dankbar. Sie hatte ihm durch ihr rufen vielleicht das Leben gerettet. Messerangriffe, dass wusste er, sind brandgefährlich, ohne Schnitt- oder Stichverletzungen kaum abzuwehren und potentiell tödlich. Doch die Türen schlossen sich schon mit lautem Zischen. Er ließ sich auf den Sitz des fast leeren Waggons fallen, schloss die Augen und atmete tief durch.
„Der ist für Handicaped People reserviert“, drang eine mürrische Stimme an sein Ohr. König öffnete die Augen und sah einen drahtigen 75-jährigen mit schulterlangen grauen Haaren, abgewetzter grüner Kniebundhose und knallroten Strümpfen, vor sich stehen, der mit seinem Behindertenausweis vor seiner Nase wedelte. “Setzen Sie sich halt einfach wo anders hin, ist doch eh alles frei“, entgegnete König leicht genervt. „Setzen Sie sich doch woanders hin, oder haben Sie auch so einen Ausweis!?“, beharrte der Mann. Kopfschüttelnd stand König auf und ließ sich fünf Reihen weiter hinten nieder. Der Alte blickte ihm hasserfüllt hinterher.
Als er vierzig Minuten später, weit nach Mitternacht, in seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Sendling angekommen war, holte er sich ein Bier aus dem Kühlschrank, machte es sich auf dem Sofa bequem und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Erschöpft schlief er ein.
Wird fortgesetzt.