Der Sultan von Brunei und die Märchenerzähler

Der Sultan von Brunei und die Märchenerzähler

Dies ist die Geschichte von Menschen, die um jeden Preis ihren Teil vom großen Kuchen abhaben wollten und dafür alle betrogen. Ihre eigene Familie, Freunde, jeden der ihnen vertraute und nicht zuletzt sich selbst. Es ist eine Parabel über Lug und Trug, Gier, Gutgläubigkeit und zerstörte Träume. Nehmen Sie sich ein Glas Wein, ein bisschen Zeit und lesen Sie die unglaubliche Geschichte von Marc Burger, Fritz Renk und Eberhard Hohenstein. Tauchen Sie ein in eine funkelnde Welt voller Luxus in der die Sonne nie unterzugehen scheint. 

41 Kapitel 
Lesedauer: 135 Minuten

Die Protagonisten: 

Marc Burger, 48, Sportartikelverkäufer, Basel

Das Scheppern der Müllabfuhr weckte Marc Burger auf. Er blickte auf die blonde Frau, die neben ihm im Bett lag, auf ihre langen, glatten Haare, die ihr engelsgleiches Gesicht umrahmten, ihre wohlgeformten straffen Brüste und ihre endlos langen Beine. Wie er es hasste, dass sie sich für Geld an fremde Männer verkaufte. Er selbst bezahlte sie seit drei Monaten nicht mehr, nur noch das Hotel in dem sie sich immer heimlich trafen. Angela, seine 31-jährige Geliebte, war für eine Prostituierte sehr elegant gekleidet und eindeutig zu gebildet. Sie stammte aus einem angesehenen Wiener Adelsgeschlecht und musste Österreich aus gewichtigen Gründen, die alle irgendwie mit Geld zu tun hatten, verlassen. Mit vollem Namen hieß sie Angela Borsody, so stand es zumindest in ihrem ganz passabel gefälschten österreichischen Reisepass. Es gab nur eines, was Marc mehr hasste als den Gelderwerb seiner Geliebten, das war seinen Job als Sportartikelverkäufer. Das Geld, das er damit verdiente, reichte hinten und vorne nicht. Seine Frau, die zwei Kinder, die Präsidentschaft des noblen Tennisvereins Aufschlag Basel und nicht zuletzt seine Geliebte kosteten viel mehr Geld, als er ranschaffen konnte. Glücklicherweise war er sportlich, braun gebrannt und gut aussehend, wie ein Ski-Rennfahrer, der die Ausrüstung die er verkauft, selber schon getestet hat. Er wirkte deshalb authentisch und seine Kunden ließen sich gerne von ihm beraten. Er war der geborene Verkäufer und konnte Menschen überzeugen, von Dingen und vor allem von sich selbst. Offensichtlich hat das bisher auch bei seiner Bank funktioniert, bei der er einen Kredit über 100.000 Franken laufen und die letzte Rate nicht bedient hatte. Die Frage war nur, wie lange die Bank noch still halten würde. Sein Kundenberater jedenfalls, der auch ein Sportsfreund aus dem Tennisverein war, stellte bereits unangenehme Fragen.

Sonnenuntergang Dade County Schmugglergeschichten

Fritz Renk, 42, Juwelier, München und Miami 

Der Blick aus seinem Apartment in Dade County/Florida war atemberaubend schön. Die Sonne ging gerade unter und der Atlantik funkelte wie die Edelsteine die Fritz Renk verkaufte. Leider zu wenige, um seinen luxuriösen Lebenswandel weiter finanzieren zu können. Seine Geschäfte liefen nicht mehr so gut, seit er in den Vereinigten Staaten Fuß fassen wollte. Der Markt für Edelsteine war dort zwar riesig aber auch sehr schwierig, vor allem für Europäer. Selbst die Moissantsteine, täuschend echt wirkende Diamantenimitationen, die er als zertifizierte Edelsteine zu "Schnäppchenpreisen" verscherbelte, brachten nicht genug ein. 

Fritz griff zum Telefon und rief seinen alten Kumpel Eberhard Hohenstein in San Francisco an. 
Eberhard war, so wie er, im Juwelier- und Uhrengeschäft tätig. Sie kannten sich aus ihrer Münchner Zeit, als sie in Schwabinger Clubs legendäre Champagner-Partys feierten und nebenbei den alkoholisierten Gästen überteuerten Schmuck andrehten. Die Schönen und Reichen der Münchner „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ kamen gerne und öffneten Türen für Fritz und Eberhard. Dass alles auf Pump war, interessierte damals niemanden und als die Party irgendwann vorbei war, setzten sich Fritz und Eberhard in die Staaten ab. Die Zeche zahlten andere. Eberhard hatte glücklicherweise vorher noch eine reiche aber einsame Schönheit aus Kalifornien kennengelernt. Sie heirateten noch in München und übersiedelten dann in ihr Haus an der Golden Gate Bridge in San Francisco. Das war jetzt etwa zwei Jahre her.

Haus an der San Francisco Bay Area

Eberhard Hohenstein, 46, Uhrenhändler, San Francisco

Das Telefonklingeln in dem Haus an der Bay-Area unterbrach den heftigen Streit, den Hohenstein gerade mit seiner Frau hatte. Sharon, die wesentlich jünger aussah als sie es mit ihren 39 Jahren war, wollte nicht länger den kompletten Lebensunterhalt ihres Mannes finanzieren. Ihr Vater, der vor Jahrzehnten aus dem Iran in die USA einwanderte und mit  dem Handel hochwertiger Teppiche zu Wohlstand gekommen war, hatte sie vor Eberhard gewarnt. Er sei ein Taugenichts und Blender, darüber könne auch seine frappierende Ähnlichkeit mit dem jungen Robert Redford nicht hinweg täuschen. Dass er einen Uhren-Discount an der "Fisherman`s warf", einem der Touristenmagneten San Franciscos, gründen wollte, nahm ihm der Vater nicht ab. Erst recht nicht, als er erfuhr, dass Hohenstein Rolex-Uhren als Sonderangebote verkaufen wollte.  Hohensteins Plan war, mit Ziffernblättern, Lünetten und anderen Ersatzteilen von echten Rolex-Uhren Fälschungen aus Südostasien "aufzuwerten", so dass sie als Original durchgingen. Die benötigten Ersatzteile besorgte er sich günstig bei dem 70-jährigen Münchner Hehler Herbert Hecht. 

Der Anruf von Fritz Renk hellte Eberhards Stimmung etwas auf. Das Angebot, das sein Kumpel ihm machte, klang verlockend. Es würde ihm genug Geld einbringen um seine Frau eine Zeit lang zu beruhigen. Aber irgendwie kam ihm die Sache etwas merkwürdig vor.

Kapitel 1

Eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht. 

Der Sultan von Brunei und die Märchenerzähler Kapitel 1

Das Sommerfest des Tennisclubs Aufschlag Basel war ein voller Erfolg. Die Mitglieder mit ihren Familienangehörigen und die Ehrengäste aus der lokalen Politik feierten den Präsidenten Marc Burger mit Standing Ovations. Die Lokalzeitung und sogar das Schweizer Fernsehen hatten ausführlich berichtet. Der Show-Teil mit einer Beatles-Revival-Band und dem Top-Büttenredner der Basler Fastnacht war der absolute Höhepunkt der Veranstaltung. Burger hatte öffentlichkeitswirksam einen Scheck über 10.000 Franken der Vereinskasse zukommen lassen. Diese war durch viele zügellose Partys arg dezimiert worden, was in der Öffentlichkeit natürlich nicht erwähnt wurde. Die Spendenüberreichung brachte ihm viel Applaus ein und seine Großzügigkeit wurde allseits gepriesen. Nur nicht von seiner Ehefrau. Die finanziell prekäre Lage der Familie war ihr nur zu vertraut um eine solche Geste der Großzügigkeit gut heißen zu können. Auch der Bankberater von Marc Burger wunderte sich etwas über die Spendierfreude des mit hohen Schulden belasteten Präsidenten. Die letzte Kredit-Rate war immer noch ausstehend. Nicht zuletzt Marc Burger selbst machte sich Sorgen über seinen monetären Engpass: die nächste Leasingrate für seinen 7er BMW war bald fällig und er wusste nicht, wie er sie bezahlen sollte. Auch Angela machte Druck und wollte, dass er sein Versprechen nun endlich einlöste. Er hatte ihr nämlich vorgegaukelt ein sorgenfreies Leben im eigenen Haus am Meer an der Algarve in Portugal finanzieren zu können. Das erschien ihr wesentlich reizvoller als die allabendliche Aussicht mehr oder weniger sympathische Freier in ihrem Apartment in einem schäbigen Hochhaus an einer lauten Baseler Ausfallstraße zu empfangen. Den Traum von der Sonne Portugals sollte Marc ihr nun erfüllen. Und zwar schnell. Sie wollte, besser, sie musste Basel verlassen.

*

An einem regnerischen Freitagabend im Juni bediente Burger im Sportgeschäft einen Kunden, der zu Werbezwecken ein Damenfußball-Team mit Trikots ausstatten wollte. Er hieß Heinz Tanner und war der Baseler Filialleiter des Schmuck-Großhandels Hürli in Zürich. Da Burger eine Vorliebe für teuren Schmuck und Uhren hatte kamen die beiden schnell ins Gespräch. Man finde kaum noch jemanden der bereit sei, mehrerer tausend Franken für ein edles Schmuckstück auszugeben, klagte Tanner. Er hoffte, dass die fußballspielenden Frauen mit dem Firmenlogo von Hürli auf der Brust eine Umsatzsteigerung auslösen würden. Burger fiel da gleich ein Zeitungsartikel über den Sultan von Brunei ein, den er kürzlich gelesen hatte. Der Sultan sei demnach ein Sammler hochwertiger Geschmeide aus mindestens 18-karätigem Gold, gerne auch mit Diamanten besetzt. Burger besaß, als einzige Gemeinsamkeit mit dem Sultan, ebenfalls eine diamantenbesetzte Halskette aus 18-karätigem Gold. Die 30.000 Franken für den Kauf hatte er mit einem Kredit finanziert. Das gute Stück war für seine Geliebte Angela bestimmt. Er träumte davon, sie ihr beim Einzug in das gemeinsame Haus an der Algarve bei einem romantischen Candle-Light-Dinner um den Hals zu legen. Tanner gefiel Burgers Art Verkaufsgespräche zu führen. Noch mehr war er angetan als der ihm von seinen Kontakten zum Sultan von Brunei erzählte, den er bei einem Tennisturnier in Malaysia kennengelernt haben wollte. Ein fähiger Kaufmann mit viel Liebe zu exquisitem Schmuck  und erstklassigen Kontakten erschien Tanner wie die personifizierte Lösung seiner Absatzprobleme. Er machte Burger einen Vorschlag.

Ron MG, Schmugglergeschichten, Der Sultan von Brunei und die Märchenerzähler

Am folgenden Samstagnachmittag nach dem Tennistraining gab Burger in der Vereinsgaststätte seines Clubs bekannt, dass er sich beruflich verändern werde und anstelle von Sportsocken nun Goldschmuck und Edelsteine verkaufen werde. Aufgrund seines Verkaufstalents und seiner Seriosität, die seine gesellschaftlich hoch gestellten  Sportsfreunde bestätigen konnten, habe er einen gut dotierten Vertrag beim führenden Schmuckhersteller- und Großhändler der Schweiz bekommen. Das stimmte zwar nicht, denn der Vertrag war noch gar nicht unterzeichnet, aber Burger war sich seiner Sache sicher. 

*

Drei Tage später fuhr er in seinem blitzblank geputzten schwarzen 7er BMW nach Zürich, um einen Termin beim dortigen Schmuckhersteller Hürli wahrzunehmen. Dabei hatte er eine Mappe mit Zeitungsausschnitten über seine Tätigkeit als Präsident des aus Presse und Fernsehen bekannten Tennisclubs Aufschlag Basel zusammen mit einer Liste der stadtbekanntesten Vereinsmitglieder sowie eine Empfehlung von Heinz Tanner, dem Hürli-Filialleiter in Basel. Somit dürfte dem Geschäft nichts mehr im Wege stehen. 

Kapitel 2

Der große Uhrenschmuggel 

Rolex Schmugglergeschichten

Fritz Renks finanzielle Situation war mittlerweile besorgniserregend: Geld musste her, und zwar viel und schnell. Zum Glück wusste er auch schon wie er das Problem lösen konnte. Er würde seinen Porsche 911, den er in Miami günstig erworben und nach München überführt hatte, verkaufen. Mit dem Erlös könnte er dann etwa 20 Rolex-Uhren in der Schweiz kaufen. Die dortige Umsatzsteuer von 8 % würde er sich bei der Ausfuhr nach Deutschland erstatten lassen. Den in München zu zahlenden Zoll könne man sich sparen, wenn man die Uhren nur gut genug verstecke, so seine Überlegungen. Da die Sache aber immer ein gewisses Restrisiko birgt, ist es besser, ein paar Euro für einen Kurier zu investieren. Aber wer käme da in Frage? Es müsste jemand sein, der dringend Geld braucht, unauffällig ist und keine Fragen stellt. Vor allem aber sollte dieser Jemand nicht genug Selbstbewusstsein haben, um Renks genaue Anweisungen zu missachten oder gar ihn zu hintergehen. Und zu teuer sollte er natürlich auch nicht sei. Da fiel ihm Mick Mayer ein, der unscheinbare Single aus München, der im Leben nicht zu den Gewinnern zählte.

München Marienplatz, Rathaus, Marienkirche

München-Zentrum-

Stiglmaierplatz München, Löwenbräukeller

Stiglmaierplatz München

Mick Meyers Wohnzimmer in München-Ramersdorf

Mick Mayer war 35 Jahr alt, leicht übergewichtig und wohnte in einer 40 qm-Wohnung im Münchner Stadtteil Ramersdorf, direkt an der Autobahnauffahrt nach Salzburg. Sein Gesicht war pockennarbig und von Pickeln übersät. Wenn er nervös wurde, platzten sie auf und fingen zu bluten an. Sein Selbstwertgefühl war deswegen im Keller. Eine Freundin hatte er natürlich auch nicht. Er sah auch keine Chance jemals eine zu finden. Das wenige Geld, das er mit dem Handel von Uhren namhafter Marken, beziehungsweise mit gut gemachten Fälschungen davon, verdiente, machte ihn auch nicht attraktiver. Er war der Prototyp des „All Time Loser“. Nur einmal in seinem Leben hatte er Glück gehabt. Das war vor einem halben Jahr gewesen, als er Fritz Renk kennen lernte. Der war mit seinem auffälligen roten Porsche mit US-amerikanischer Zulassung auf dem Stiglmaierplatz in München liegen geblieben und konnte seinen dringenden Termin nur deshalb noch erreichen, weil Mick ihm Starthilfe leistete. Aus Dankbarkeit erhielt er von Renk eine Einladung zu einer Rock-Party im "Crash", eine der angesagtesten Locations in der Stadt. Dort schaffte er es sogar eine dralle Rothaarige abzuschleppen. Er hatte ihr erzählt, ein erfolgreicher Geschäftsführer eines Autohauses im Motorama am Rosenheimer Platz zu sein. Zunächst hatte Sie das geglaubt, als sie jedoch am nächsten Morgen ihn und seine Wohnung bei Tageslicht sah, war die kurze Beziehung auch schon wieder vorbei gewesen. Geschäftsführer und ihre Domizile sähen anders aus, meinte sie noch verächtlich, bevor sie durch die Tür verschwand.

*

Mayer stand am Spiegel in seinem kleinen Bad und klebte sich gerade ein Pflaster auf einen blutenden Pickel an der Stirn, als sein Telefon klingelte. Er ging erst nicht ran, weil er glaubte, sein Vermieter würde sich mal wieder über die ausgebliebene Mietzahlung beschweren. Als aber der Anrufbeantworter ansprang und er die Stimme von Fritz Renk hörte, nahm er den Hörer doch ab.

Zoll Einreise Flughafen, grüner Ausgang, Zollkontrollstelle
Zollbeamtin am Flughafen München

Die Swiss-Air-Maschine aus Zürich landete pünktlich um 11:20 Uhr in München. Mick Mayer hatte es eilig zur nächsten Toilette zu kommen. Nicht nur, weil seine Blase drückte, sondern auch weil zwei seiner Pickel auf der rechten Backe wieder anfingen zu bluten. Er war nervös. Die Passkontrolle verlief zwar problemlos, aber jetzt musste er noch durch den Zoll. Er würde die Beamten, die an der Kontrollstelle beim Ausgang im Terminal 2 standen, beobachten und warten, bis sie durch irgendetwas abgelenkt sein würden. Mit seiner kleinen Reisetasche war er schnell und konnte zwischen den vielen Reisenden mit ihren Gepäckwägen durchflutschen. Er musste einfach geduldig sein. Da er nur mit Handgepäck reiste, brauchte er nicht auf das Gepäckband starren bis endlich sein Koffer käme. Eine Reisegruppe aus Japan bewegte sich gerade auf den grün gefliesten Ausgang mit den Schildern "Anmeldefreie Waren“ zu, an dem eine junge Zollbeamtin postierte. Die mindestens 30 Touristen, hinter denen zwei Dienstmänner einen riesigen Gepäckwagen mit hoch aufgetürmten Koffern durch den Zoll schoben, versprachen eine gute Deckung für Meyer. Als die Reiseleiterin kurz mit der Zollbeamtin sprach, war das seine Chance. Er drängelte sich energisch an der Traube, welche die Asiaten um ihre Reiseleiterin bildeten, vorbei. Dabei hätte ihn die Menschenmasse fast an die gegenüberliegende Wand gedrückt. Noch zwei Schritte dann würden sich die automatischen Glastüren öffnen und er wäre raus aus dem Zollbereich. Dann schnell in ein Taxi zum Hauptbahnhof. Im dortigen Burger King würde er in der Toilette die an seinen Beinen befestigten zehn Rolex-Uhren im Wert von 100.000 Schweizer Franken abnehmen und Fritz übergeben. Die 500 Euro Aufwandsentschädigung für den Kurztrip nach Zürich gäben ihm wieder Luft zum Atmen. Bei den 500 Euro sollte es auch nicht bleiben hatte ihm Fritz versichert. Er stellte ihm beim nächsten Mal 1.000 Euro in Aussicht, wenn die Sache problemlos über die Bühne gehen würde. 
Die Glastür ging langsam auf und Mick sah schon die draußen wartenden Abholer. Da hörte er von hinten eine schneidende Stimme und zuckte zusammen. "Stopp, Zollkontrolle!" Die junge Beamtin, die gerade eben noch mit der Reiseleiterin gesprochen hatte, stand jetzt direkt hinter ihm und wies ihn an, ihr in die Kontrollstelle zu folgen. Schlagartig begann er so stark zu schwitzen, dass er sich den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn wischen musste. Die Zöllnerin nahm nun seine Reisetasche auseinander. Jedes Fitzelchen darin schien sie zu interessieren. Sie fragte nach dem Grund seiner Reise und wie viel Geld er dabei habe. Nachdem sie wissen wollte, ob er Uhren aus der Schweiz einführe, prüfte sie eine halbe Ewigkeit seinen Personalausweis. Meyer verneinte die Frage mit gespielter Gleichgültigkeit und gab vor, nur mal Zürich besichtigt zu haben. Während er noch rätselte warum die Zöllnerin ausgerechnet ihn nach Uhren fragte und gleichzeitig versuchte das Zittern seiner Hände zu verhindern überreichte ihm die Beamtin zögernd seinen Ausweis. Zu seiner großen Überraschung ließ sie ihn unbehelligt gehen. Dass sie dabei kein gutes Gefühl hatte, sah man ihr an.
Im Burger King des Hauptbahnhofes wollte Fritz genau wissen, wie die Zollkontrolle verlaufen war. Hat die Zollbeamtin etwas gemerkt? Warum hatte sie speziell nach Uhren gefragt? Nachdem sie die Situation ausführlich diskutiert hatten, kam Fritz zu dem Schluss, dass es eigentlich normal sei, als Zürich-Reisender nach Uhren gefragt zu werden. Schließlich ist die Schweiz nicht nur bei Geschäftsleuten für hochwertige Qualitätsuhren bekannt.

Kapitel 3

Der Abnehmer

Rolex-Uhren, Schmugglergeschichten

Fritz Renk brachte die geschmuggelten Uhren umgehend zu seinem Auftraggeber, dem Juwelier Uwe Dukke, der sein Geschäft am Sendlinger Tor hatte, nicht weit vom Hauptbahnhof. Der zahlte ihn in bar aus und ließ die Uhren in einem gut getarnten Tresor, in dem er seine Schwarz-Ware aufbewahrte, verschwinden. Er konnte diese Uhren, die niemals in seiner Buchführung erscheinen würden, leicht unter Preis verkaufen, weil er dafür weder Einkommenssteuer noch Umsatzsteuer zahlen würde. Ein enormer Wettbewerbsvorteil. Da sich der Tresor in seiner Privatwohnung über dem Geschäft befand, war er auch vor dem Zugriff der Betriebsprüfung des Finanzamtes sicher. Die hatte zwar einen Verdacht, konnte aber nichts nachweisen. Die offizielle Buchführung war natürlich in Ordnung.
Es war ein gutes Geschäft, sowohl für den Juwelier als auch für Fritz Renk. Die Erstattung der Schweizer Umsatzsteuer und die nicht bezahlten deutschen Steuern machten es möglich. Für Renk blieben fast 15.000 Euro Gewinn hängen. 
Uwe Dukke, ein grauhaariger und seriös wirkender 60-jähriger Münchner, würde die Rolex des exklusiven Modells Submariner an finanzkräftige Kunden aus Osteuropa verkaufen. Diese wohl berühmteste Taucheruhr der Welt zierte einst das Handgelenk von Sean Connery in seiner Rolle als Geheimagent James Bond in dem Kinohit „Liebesgrüße aus Moskau“.
Wie die realen Geschäftsleute aus Moskau in dunklen Anzügen, Ray Ban-Sonnenbrillen und etwas zu aufdringlichem Parfüm an das viele Bargeld in den mitgebrachten Sporttaschen kamen, wollte Dukke gar nicht wissen. Das wäre wohl eher ein Fall für 007 gewesen. Viel mehr interessierte den Juwelier, wann Fritz Renk endlich die zehn Rolex des klassischen Modells Date just liefern würde, die einer der Russen vorbestellt hatte. Die  100.000 Euro Kaufpreis für die Uhren, die, so der Hersteller, Zeit nicht nur zählen, sondern erzählen, waren kein Problem. Seine Kunden verhandelten nicht über den Preis. Das Geschäft musste nur schnell -just in time-, ohne Rechnung und in bar ablaufen.

Kapitel 4

Fatale Begegnung

Angela war Fritz Renk damals auf der Party in einem hippen Nachtcafe am Lenbachplatz in München sofort aufgefallen. Als sie mit Eberhard Hohenstein bei einem Glas Champagner plauderte war er auf einen Schlag eifersüchtig, obwohl er Angela da zum ersten Mal gesehen hatte. Sie trug einen kurzen Ledermini, schwarze Nahtstrümpfe und ein hautenges, bauchfreies Top aus Latex, das ihre großen, straffen Brüste voll zur Geltung brachten. Wie sie da stand, langbeinig, in hochhackigen Stilettos, sah sie einfach umwerfend aus. Eberhard stellte sie ihm als neue Chefverkäuferin für seine Rolex-Niederlassung in San Francisco vor. Zumindest hatte er ihr das "einmalige Angebot, dass Du nicht ablehnen kannst", gemacht. Angela wollte alles zu diesem tollen Job an der Fisherman`s Warf wissen und stellte viele detaillierte Fragen. Weil sie nicht nur extrem gut aussah sondern auch sehr klug war, merkte sie schnell, dass Hohenstein weniger an ihrer Arbeitskraft als an ihrem Körper interessiert war. Das Jobangebot entpuppte sich bei genauer Nachfrage als Luftnummer und so wandte sie sich von Hohenstein ab und schenkte ihre volle Aufmerksamkeit Fritz Renk. Der nutze die Gunst der Stunde und glänzte in seiner Rolle als erfolgreicher und gut situierter Edelsteinhändler aus Miami. Er war groß, blond und wenn er eine Dame mit seinen tiefblauen Augen anschaute und dazu verschmitzt lächelte, schmolz sie dahin wie Butter in der Sonne. Sein gutes Aussehen, ergänzt durch den lässigen Chic seines Boss-Sakkos, passte perfekt zu einem erfolgreichen Geschäftsmann. Dass seine Firma „Golden Diamonds Inc, Miami“ nur aus einem Stempel, protzigen Visitenkarten und einer Mail-Adresse bestand, wusste ja niemand.

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Wien Schloss Schönbrunn

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München Hauptbahnhof

Angela, die erst vor drei Tagen mit dem Zug aus Wien in München angekommen war und in einem heruntergekommenen Hotel in der Schwanthalerstraße am Hauptbahnhof wohnte, ließ sich da gerne zu einer intimen Privatparty in seine Suite im Hotel Sheraton am Arabellapark einladen. Vorher machte sie allerdings klar, dass es für Renk nicht ganz billig werden würde, besonders nicht, wenn er die ganze Nacht buchte. Diese Nacht mit gutem Sex und noch besserem Kokain legte den Grundstein für eine Beziehung, die weit über ihre kurze und heftige Liebschaft hinausging. Seine zwielichtigen Geschäfte konnte Renk nicht lange vor Angela verbergen. Seine Methode war, Leihhäusern und flüchtigen Bekannten unechte Diamanten anzudrehen, die er mit selbst geschriebenen Zertifikaten zu wertvollen Edelsteinen machte. Ebenso wenig konnte er ihr seine unbedarfte Freundin aus dem Allgäu verheimlichen, der kein Mensch betrügerische Absichten zugetraut hätte. In Angelas Augen hatte das alles keine Zukunft, obwohl sie bei Renk durchaus Potential sah, nicht nur im Bett. 
Also zog Angela weiter nach Basel, wo sie sich bei einer alten Freundin einquartierte, die dort als Sportartikelverkäuferin und Teilzeitprostituierte arbeitete. Dort sollte sie Marc Burger kennen lernen. Einen Mann, der ihr schon nach kürzester Zeit so verfallen war, dass er alles für sie tat, egal was es kostete. Ein Mann, der schließlich seine Familie und seine bürgerliche Existenz für sie aufgab.

Kapitel 5

Der große Auftritt

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Marc Burger konnte sein Glück gar nicht fassen. Er saß in einem schicken Büro in der Zentrale der Firma Hürli, die sich in der Löwenstraße, also bester Züricher Innenstadtlage, befand. Hannah Hübig, die Abteilungsleiterin Verkauf des führenden Schweizer Unternehmens für Schmuck und Edelsteine, legte den frisch ausgehandelten Vertrag über ein Provisionsgeschäft im Volumen von 30 Millionen Schweizer Franken neben seine Kaffeetasse die das Logo der Firma Hürli zierte. Es zeigte die Schweizer Flagge, die an allen vier Ecken mit Diamanten versehen war und sollte die Firmenphilosophie verdeutlichen: Seriosität und Luxus ist gleich Vertrauen. Vertrauen, dass die Kundschaft in die Werthaltigkeit der Produkte haben konnte und bezahlen sollte. Und die Firma Hürli in die Kompetenz ihre Verkäufer. Wer am Ende einen zu hohen Preis zahlen musste würde sich noch zeigen.
Laut Vertrag sollte Burger in zwei Tranchen handgearbeiteten Schmuck mit entsprechenden Zertifikaten im Werte von jeweils fünfzehn Millionen Schweizer Franken ausgehändigt bekommen, um diesen an solvente Abnehmer in Südostasien, den arabischen Emiraten oder sonst wo auf der Welt zu verkaufen. Pro Tranche betrüge die Provision 135.000 Franken. Damit wären auch sämtliche Kosten wie Flugtickets und Hotelübernachtungen abgegolten. Da die teuren Stücke gut versichert waren und Burgers Expertise und Zuverlässigkeit nicht ernsthaft hinterfragt wurden, bekam er kurze Zeit später die erste Tranche Smaragd-Sets, Ringe, Halsketten und Armbänder aus 18-karätigem Gold und mit Edelsteinen besetzt, tatsächlich ausgehändigt. Dazu eine Visitenkarte der hübschen Abteilungsleiterin und eine Kontonummer bei der Züricher UBS-Bank für die Überweisung des Erlöses. Die ersten Gelder würden bald gut geschrieben werden, versprach Burger mit einem gewinnenden Lächeln.

Kapitel 6

Die Yacht des Sultans

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Ach ja. Das Foto auf dem er und der Sultan von Brunei in dessen Residenz im Istana-Nurul-Iman-Palast bei einem stimmungsvollen Privat-Dinner zu sehen sind, habe er leider zu Hause vergessen. Da er aber in Kürze wieder mit dem Sultan in Borneo auf dessen Yacht verabredet sei, gäbe es bald neue, aktuellere Bilder, die er natürlich der Firma Hürli gerne für Werbezwecke zur Verfügung stelle, versicherte Burger der etwas reserviert wirkenden Abteilungsleiterin. Für diesen Abschluss, der dem schwächelnden Umsatz der Firma Hürli einen Schub nach vorne geben sollte, bekam Heinz Tanner vom Geschäftsführer Roger Hürli eine Leistungsprämie von 2.000 Franken. Hannah Hübig dagegen, die als 38-jährige allein erziehende Mutter das Geld auch gut hätte gebrauchen können, wurde beim Leistungsbonus übergangen. Sie äußerte vorher noch Bedenken, ob ihre Firma Schmuck für 30 Millionen Franken ohne handfeste Sicherheiten an einen ehemaligen Sportartikelverkäufer herausgeben solle und ob die Versicherung im Schadensfall, sprich Verlust des Schmucks, einspringen würde. Aber die Geschäftsleitung wollte nicht auf sie hören und warf ihr fehlendes Gespür für Menschen vor. Die kühl wirkende Blondine ärgerte sich sehr. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, dass sie ein Jahr später die Filiale in Basel übernehmen würde.

Kapitel 7

Der Abschied

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Marc Burgers Anruf überraschte seine Frau beim Frühstück mit den beiden 10 und 12 Jahre alten Töchtern. Jana Burger nahm die Ankündigung ihres Ehemannes, für eine längere Zeit beruflich ins Ausland zu gehen, gelassen entgegen. Sie hatte sich nach Tagen der Verzweiflung und tränenreichen Nächten innerlich von Marc Burger verabschiedet und sich mit der Trennung abgefunden. Für die Kinder war der Verlust ihres Vaters eine Tragödie. Jana Burger versuchte alles, um ihre Kinder zu trösten, aber es gelang ihr nur selten. Dafür hasste sie ihn noch mehr, als für seine außerehelichen Aktivitäten. Natürlich wusste sie von seiner Geliebten Angela und auch von den Schulden, die ihr Ehemann in schwindelerregender Höhe angehäuft hatte. Gestern, nach ihrem Termin beim Scheidungsanwalt, war ein Brief der Bank eingetroffen. Als sie ihn öffnete und las verzog ein bitteres Lächeln ihr Gesicht. Die Bank kündigte die Pfändung all ihrer Vermögenswerte an. Aber es gab gar kein Vermögen mehr, sie waren ganz einfach pleite. Sie legte den Brief weg und bereitete weiter den Umzug in das Haus ihrer Eltern vor. 

Marc Burger dagegen fühlte sich wie befreit, als er in der First Class des Swiss-Air-Flugs von Zürich nach Bangkok seinen ersten Champagner nahm. Das Leben mit seiner schwierigen Frau und den anstrengenden Kindern würde er endgültig hinter sich lassen. Der millionenschwere Schmuck in seinem Handkoffer in der Gepäckablage über ihm war die Eintrittskarte in seinen Traum mit Angela, den er jetzt endlich realisieren konnte. Er freute sich schon auf die Tage und noch mehr auf die Nächte mit ihr im Fünf-Sterne-Hotel Oriental. Die Luxusbleibe lag malerisch am Fluss Chao Phraya, mitten in Bangkok. Angela, die in Basel geblieben war um sich von ihrer Freundin und deren albanischen Lebensgefährten zu verabschieden, wollte übermorgen nachkommen. Die Boeing 747 flog durch die dunkle Nacht gerade über Indien, als Burger nach dem dritten Cognac den Abend abschloss. Sein letzter Gedanke galt dem Schmuckkoffer, den er unmittelbar nach der Ankunft in Thailand in einem Schließfach am Flughafen Bangkok deponieren wollte. Dann schlief er ein und träumte vom Strand auf Kho Phi Phi.

Geheimtip thailändische Inseln

Bootsanlegestelle von Kho Phi Phi

Tourismus Thailand, Kho Phi Phi

Ausflugsboote am Strand von Kho Phi Phi

einsame Badebuchten, Thailand

Badebucht auf Kho Phi Phi

frischer Fisch, Markt in Thailand

Fischmarkt auf Kho Phi Phi

Wieder landete der Mittagsflug der Swiss-Air aus Zürich am Flughafen München. Auch diesmal hatte Mick Meyer zehn Uhren um seine Beine getaped. Die vorbestellten Rolex Datejust waren ein äußerst wichtiger Auftrag seines Kunden, da dürfe nichts schief gehen schärfte Renk ihm ein. Diese Ansage steigerte seine Nervosität um einiges. Nach der Passkontrolle ging er wieder ans Gepäckband um den Ausgang zu beobachten. Diesmal passierten nur ein paar Leute den grünen Kanal für anmeldefreie Waren. Weil gerade kein Zöllner in Sicht war, nahm er seinen ganzen Mut zusammen und lief los. Als er fast durch war, kam ein älterer Zollbeamter in zivil aus dem Kontrollraum und sprach ihn an. Wieder ging im unpassendsten Moment ein Pickel auf und fing an zu bluten. Und auch noch an der linken Wange, so dass es jeder sehen konnte. Er schwitzte wie in einer Sauna als er dem Beamten in den Kontrollraum folgte und dabei ein Taschentuch auf die blutende Stelle drückte.

Abfertigungsbank Zoll
Ron MG, Schmugglergeschichten

Meyer musste den Inhalt seiner Hosentaschen auf die Abfertigungsbank aus Aluminium legen. Plötzlich schepperte es ganz fürchterlich als ihm sein Schlüsselbund vor Aufregung aus der Hand fiel und krachend auf dem Metalltisch landete. Der Zollbeamte verzog keine Miene, noch nicht einmal als Meyer sein blutverschmiertes Taschentuch, mit dem er sich vorher abgewischt hatte, neben die Schlüssel legte. Der in der Ecke liegende Zollhund, ein deutscher Schäferhund, schaute interessiert zu. Dieser Zöllner war noch unangenehmer als seine junge Kollegin vom letzten Mal, dachte Mick. Er wollte alles wissen, vom Preis des Flugtickets bis hin zu seiner beruflichen Tätigkeit. Und er schien ihm kein Wort zu glauben. Micks Schweiß tropfte auf den Boden als ihm der Zöllner ankündigte, ihn abzutasten um mögliche Schmuggelware unter seiner Bekleidung feststellen zu können.
Er fing an Arme, Schultern, Brust, Bauch und Rücken abzugreifen. Als er fast die Unterschenkel mit den Uhren in den überdimensionalen, mit Klebeband fixierten, Strümpfen erreicht hatte, klingelte das Handy des Beamten. Er unterbrach seine Durchsuchung und nahm den Anruf entgegen. Nach einem kurzen, hektischen Gespräch steckte er das Telefon weg, beendete die Kontrolle, pfiff seinem Hund und verabschiedete sich hastig von Meyer. Er wurde wohl zu einem Einsatz abberufen, der wichtiger war als die Kontrolle eines verschwitzten, leicht übergewichtigen Verdächtigen mit einem Pickelproblem. Das war knapp. Nochmal würde Mick Meyer so eine Prozedur nicht mehr über sich ergehen lassen, nicht für 1.000 Euro.

Kapitel 8

Die Bangkok-Nummer 

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Nach vielen prachtvollen Tempeln, goldenen, liegenden und sonstigen Buddhas, Besichtigungen der Floating Markets und des großen Palastes von Bangkok wurde es für Marc Burger langsam Zeit, potentielle Käufer für die wertvolle Ware zu finden, die immer noch im Schließfach am Flughafen lagerte. Angela war so gelöst, ja glücklich, wie er sie vorher noch nie erlebt hatte. Kurz bevor sie sich in den Swimming Pool des fünf Sterne Hotels verabschiedete gab sie Burger noch die Telefonnummer eines ihr persönlich bekannten Edelsteinhändlers aus Miami, der für Burgers Geschäft ihrer Meinung nach gut geeignet wäre. "Aber zuerst muss der Schmuck der Firma Hürli ganz offiziell von der Bildfläche verschwinden" dachte sich Burger. Angela hatte er in sein Vorhaben zwar nicht eingeweiht, aber dass die Sache stank, konnte sie förmlich riechen.

Kapitel 9

Panik in Zürich

Zürich, Schmugglergeschichten Ron MG

In der Chefetage der Firma Hürli in Zürich wurden alle zur Krisensitzung gerufen. Dass Burger seit über drei Monaten nichts von sich hören ließ, sein Aufenthaltsort unbekannt und er zudem auch telefonisch nicht erreichbar war, beunruhigte den 58-jährigen Geschäftsführer Roger Hürli zutiefst. Er beschloss, der Sache zunächst diskret auf den Grund zu gehen und beauftragte eine Detektei, die auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert war. Es bestand immer noch der Hauch einer Hoffnung, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen und die erste Überweisung von Burger eingehen würde. Der Privatdetektiv legte der Geschäftsleitung nun den Bericht über das Ergebnis seiner Recherchen in der Causa Marc Burger vor. Der glich einer Aneinanderreihung von Katastrophen und endete mit dem vernichtenden Urteil, dass Burger de facto pleite ist, seine Ehe gescheitert und der Schmuck wohl auf nimmer Wiedersehen verschwunden sei. Der wahrscheinliche Verlust von Ware im Wert von 15 Millionen Franken löste in der Geschäftsleitung blankes Entsetzen aus. Neben dem finanziellen Fiasko tat Ihnen am meisten weh, dass ihr Vertrauen aufs schlimmste missbraucht worden war. Das Firmenideal, auf das man so stolz war, wurde mit Füßen getreten.
Die Firma entschied deshalb, die Kantonspolizei Zürich einzuschalten und Strafanzeige wegen Unterschlagung zu erstatten.

Bar in Bangkok Kaosan road, Schmugglergeschichten Ron MG

Nachtclub in Bangkok 

Thai-Krieger

Thailändischer Krieger

Grand Palace Bangkok

Großer Palast Bangkok

Zeitgleich ging ein FAX bei der Firma Hürli ein. Darin teilte Marc Burger mit, dass er in der Silom Road in Bangkok überfallen und des gesamten Schmucks beraubt worden sei. Anbei übersandte er eine Bestätigung der thailändischen Polizei, der er den Überfall gemeldet hatte. Was er Nachts um 01:30 Uhr mit einem Koffer voller Schmuck in einem Nachtclub im Rotlichtviertel Patpong zu suchen hatte fragte offenbar niemand.

Wasserfall in Thailand, Ron MG, Schmugglergeschichten

Die Firma Hürli sah, wie ihr die Felle davon schwammen. Und die Felle schwammen schnell, zu schnell für die gemächlichen Schweizer Geschäftsleute.

Wesentlich fixer waren da die Kriminalbeamten der Kantonspolizei Zürich. Schon zwei Stunden später saßen sie in den schweren Ledersesseln des Büros von Roger Hürli. Als erstes wollten sie eine detaillierte Aufstellung über die an Burger ausgegebenen Waren, natürlich mit Bildern von jedem einzelnen Stück. Die Aufstellung hatte Hürli schnell zur Hand, Fotos jedoch nicht. Da der Schmuck unmittelbar nach der Fertigung direkt an Burger ausgegeben worden sei wisse er auch nicht, ob überhaupt welche gemacht worden sind, so Hürli. Das war bei den bisherigen Provisionsgeschäften auch nicht notwendig gewesen. Seine Firma würde bei der Auswahl ihrer Geschäftspartner auf deren Vertrauenswürdigkeit allergrößten Wert legen, das sei eine goldene Regel. Auch bei Burger habe man Referenzen eingefordert und erhalten. Sogar der Leiter der Baseler Niederlassung, Heinz Tanner, habe für ihn gebürgt. Die Polizisten meinten, dass sie ohne gute Fotos keine großen Erfolgschancen zur Wiedererlangung der unterschlagenen Ware sähen. Hürlis ursprünglich gesunde Gesichtsfarbe wechselte ins aschfahle bei dieser Prognose. Er beorderte umgehend seine Abteilungsleiterin vom Verkauf, Hannah Hübig, zu sich. Vielleicht könne sie ja noch irgendwo Fotos auftreiben. Außerdem wollten die Kriminalbeamten mit ihr sprechen, da sie, neben Roger Hürli und Heinz Tanner, persönlichen Kontakt mit Burger hatte. 

Hannah Hübig hatte einen richtig miesen Tag. Ihre 11-jährige Tochter lag ohne Betreuung krank zu Hause, sie selbst hatte schlecht geschlafen, den Bus verpasst und war deshalb zu spät zur Arbeit erschienen. Normalerweise wäre das nicht aufgefallen, aber heute waren wegen der Burger-Sache alle in Aufruhr. Als sie abgehetzt in der Firma ankam erfuhr sie, dass sie der Chef bereits seit zwanzig Minuten erwarte. Sie rannte, so schnell sie in ihrem engen Rock und den Pumps konnte, zum Aufzug und fuhr hoch in den 5. Stock in die Chefetage. Nachdem sie ihre weiße Bluse zurecht gezupft hatte, trat sie ein. Die Kripo-Beamten, zwei Männer um die 50, musterten sie. Es schien ihnen zu gefallen was sie sahen. Hannah lächelte gequält. Roger Hürli hielt sich nicht lange mit Begrüßungsfloskeln auf sondern verlangte sofort nach Fotos des Burger-Schmucks. Seine Nervosität war greifbar. Neben allen bisherigen schlechten Nachrichten hatte nun auch noch die Versicherung erklärt, dass sie den unmittelbar bevorstehenden Millionenschaden nicht ersetzen würden, da es sich hier offensichtlich um grobe Fahrlässigkeit handle. Roger Hürli wurde schlagartig bewusst, dass er durch seine Vertrauensseligkeit den Fortbestand der Firma aufs Spiel gesetzt hatte. Der stets selbstsichere, unantastbare Hürli, der Hannah unbegründetes Misstrauen gegenüber Burger vorgeworfen und sie beim Leistungsbonus übergangen hatte, winselte nun mit hoher Stimme nach Fotos. Hannah Hübig ließ ihn zappeln und fragte so unschuldig sie nur konnte, ob denn nicht Heinz Tanner, der Burger ja schließlich empfohlen hatte, Fotos gemacht habe. "Nein, hat er nicht“, wimmerte Hürli resignierend. Hannah konnte sich nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass sie schon damals auf Sicherheiten bestanden habe und dafür gerügt worden sei. Hürlis weißes Seidenhemd war durchgeschwitzt, die dunkelblaue Krawatte saß schief und die grauen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Er war sichtlich am Ende seiner Kräfte. Er konnte nicht mehr und entschuldigte sich in so weinerlichen Ton bei Hannah, dass sie fast schon Mitleid mit ihm hatte. Ganz beiläufig bemerkte sie in Richtung der beiden Polizisten, dass sie Burger von Anfang an nicht getraut und deshalb viele Fotos von den übergebenen Schmuckwaren gemacht habe. Und zwar in so guter Qualität, dass der Schmuck damit eindeutig identifiziert werden könne. Damit begann der Aufstieg der Hannah Hübig bei der Firma Hürli. Und das Blatt wendete sich gegen Marc Burger.

Kapitel 10

Der gescheiterte Schmuggel

Uhrenschmuggel München Flughafen

(Foto: Hauptzollamt München)

Diesmal waren es zwanzig Rolex, Modell Yacht-Master, die Mick Meyer dabei hatte. Rund 200.000 Euro steckten in seinen Socken, die er mit Klebeband umwickelt hatte, damit die ganze Sache einigermaßen hielt. Er fühlte sich, als ginge er wie auf Eiern. Die Swiss Air Maschine landete nach einem unruhigen Flug durch Gewitterwolken unbeschadet in München. Die 60-minütige Verspätung war nicht das Problem, auch nicht, dass er wieder mal vor Nervosität zu bluten anfing. Was ihm wirklich Sorgen bereitete, war der Umstand, dass er etwas unrund lief. Er hatte das Gefühl, dass jeder der ihn ansah sofort wusste, dass er ein Schmuggler war. Er versuchte sich damit zu beruhigen, dass es noch immer gut gegangen war und er nach mittlerweile fünf Flügen im letzten halben Jahr 7.500 Euro verdient hatte. Bei den letzten drei Reisen war er anstandslos durch den Zoll gekommen. Keiner hatte ihn aufgehalten. Er ging einfach aus dem Zollbereich und nahm ein Taxi zum Hauptbahnhof. Diesmal sollte er die Ware in einem Bahnhofsschließfach deponieren und nicht persönlich an Renk übergeben wie sonst. Renk war derzeit im Ausland und wollte ihn in ein paar Tagen anrufen. Renk vertraute ihm und war mittlerweile sicher, dass alles glatt laufen würde. Aber Dinge ändern sich nun mal.

*

Wieder stand Mick Meyer am Gepäckband, wieder wartete er auf die beste Gelegenheit, den Ausgang mit den grünen Bodenfliesen zu passieren. Er sah hoch zum Himmel und betete innerlich, dabei streifte sein Blick das grün markierte Schild "nichts anzumelden", "nothing to declare". Dann lief er los, langsam. Kurz vor der Glastür zum Ausgang blickte er unsicher nach links in die Kontrollhalle. Sie war leer, fast leer. Sein Blick traf direkt den in der Ecke liegenden Schäferhund, der ihn auch wahrnahm. Der Zollhund sprang sofort hoch und lief auf ihn zu. Meyer beschleunigte seinen Schritt, was ihm wegen der Last an seinen Beinen nicht so recht gelingen wollte. Plötzlich stand der große, imposante Hund direkt vor ihm und bellte ihn an. Im selben Moment hörte er eine Stimme: "Sie kenne ich doch". Es war der ältere Zöllner, der ihn bei seiner zweiten Reise fast erwischt hätte. Verzweifelt kramte Meyer in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch um das Blut und den Eiter des an der Stirn aufgeplatzten Pickels abzutupfen. Der Beamte reichte ihm wortlos ein Papiertaschentuch und wies ihn in die ihm bekannte Halle mit den Kontrolltischen. Mick Meyer schwante Schlimmes.
Der Zollbeamte stellte keine Fragen mehr und ließ Micks kleinen Handkoffer völlig außer Acht. Er schob Meyer sofort an die Wand und tastete ihn ganz langsam ab. Er schien noch genau zu wissen, wo er das letzte Mal aufgehört hatte. Diesmal klingelte kein Handy, es gab keinen wichtigeren Einsatz für den Zollhundeführer und somit keine Rettung für Mick Meyer. Die Hand des Zöllners ertastete die um seine Waden gebundenen Uhren. Als er sie fand, dachte Meyer nichts mehr, ihm war als würde die Zeit stehen bleiben.

Kapitel 11

Zollfahndung ermittelt 

Polizeistern Zoll, Ron MG

Zollhauptsekretär Hans König war seit zwanzig Jahren Zollfahnder in München. Er liebte seinen Job, fast mehr als seine Ehefrau, von der er getrennt lebte. Er hatte die Scheidung nicht gewollt, aber sie kam mit den vielen Überstunden und ständigen Dienstreisen nicht klar. König war groß und stämmig. Seine blonden Haare lichteten sich bereits, so dass er etwas älter wirkte als die 46 Jahre die er war. Sein Partner Zollobersekretär Benno Plank, ein 36-jähriger grobschlächtiger Niederbayer mit einer Schwäche für starke, filterlose Zigaretten, stellte drei Tassen mit dampfenden Kaffee auf den Schreibtisch, an dem sie Meyer verhörten. Der hielt sich krampfhaft an der Tasse fest während er seine Personalien angab. Er überlegte fieberhaft, wie er aus der Sache rauskommen könnte. Plank erklärte ihm seine Rechte und was nun weiter passieren würde. König nippte an seinem Kaffee während er Meyer beobachtete. Dabei entging ihm nicht, dass Nervosität bei Meyer aufplatzende Pickel auslöste. Für König war das wie ein Lügendetektor.

Kapitel 12

Schnell abkassieren

Bargeld, Schmugglergeschichten Ron MG

Nach der Nummer mit dem vorgetäuschten Überfall in Bangkok musste Marc Burger nun schnell sein. Ihm war klar, dass die Firma Hürli irgendwann die Schweizer Polizei einschalten würde. Mit der Frühmaschine flog er von Bangkok nach San Francisco. Den kleinen Koffer mit den Schmuckstücken aus dem Schließfach hatte er unter seinen Sitz geschoben. Er flog Economy Class, da alle besseren Plätze ausgebucht waren. In diesem Fall ging Schnelligkeit vor Luxus. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der ganze Schmuck auf die Fahndungsliste kommen und damit zur heißen Ware werden würde. Jetzt drängte die Zeit: die Juwelen mussten versilbert werden, wenn auch mit Abschlägen. Gerade in diesem Fall ist nur ein schnelles Geschäft ein gutes Geschäft. Er hatte bereits den ersten Abnehmer für den Schmuck gefunden. Einen Sportmanager, der viel Geld brauchte um die Spitzengehälter seiner Spieler weiter bezahlen zu können. Viel Diskretion und maximaler Gewinn waren die Devise von Jack Wayne. Der 48-jährige Manager des Footballclubs San Francisco Bay Fighters, der eine gewisse Ähnlichkeit mit George Clooney aufwies, freute sich schon auf das Geschäft seines Lebens. Goldschmuck im Werte von mindestens zehn Millionen Schweizer Franken bot Burger ihm für acht Millionen US-Dollar an, was einem Rabatt von weit über zwei Millionen Dollar entspräche. Ein wahrlich guter Deal. Er würde diese edlen Geschmeide in Pfandhäusern beleihen und davon Burger den sensationell günstigen Preis bezahlen. Anschließend wollte er die Stücke einzeln auslösen und an Profis und Funktionäre der Liga sowie deren Frauen verkaufen. Ein riesiger Markt an eitlen Menschen, die mehr als genug Geld hatten, um die sehr schönen, handgearbeiteten Unikate zu kaufen. Es konnte gar nichts schief gehen, dachte Wayne. Die potentiellen Käufer stammten alle aus seinem engsten beruflichen und privaten Umfeld. Ihre Vorlieben für exklusive Dinge und ihre finanziellen Möglichkeiten waren ihm bekannt. Der Verkäufer war ein seriöser Schweizer und die Ware extrem wertvoll, wie die vorgelegten Gutachten belegten. Dass Burger sie selber geschrieben hatte, konnte Wayne nicht erkennen. Er ließ sich von den reichlich bebilderten Urkunden mit den amtlich aussehenden Stempeln, in denen Burger als Eigentümer stand, blenden. Genauso wie seine Pfandleiher in San Francisco und deren Experten, wobei die nur an der Werthaltigkeit interessiert waren. Die war ja auch zutreffend und von den Original-Zertifikaten der Firma Hürli übernommen worden. Falsch war nur der angegeben Name des Eigentümers. 

Kapitel 13

Ein verführerisches Angebot 

Renk war gerade am Airport Miami angekommen und freute sich auf die Annehmlichkeiten seines kleinen aber feinen Appartements, das er in Dade County gemietet hatte. Das war zwar teuer aber das reinste Kontrastprogramm zu seiner Mini-Wohnung in einem 70er Jahre Hochhaus in Neuperlach. Die war für Münchner Verhältnisse zwar preiswert und bot die benötigte Anonymität, aber gegen den noblen South Beach in Dade County konnte die Betonwüste am Gerhard-Hauptmann-Ring in Münchens Osten natürlich nicht bestehen. 
Nachdem er mit Juwelier Dukke aus München telefoniert und die baldige Lieferung der bestellten 20 Stück Rolex Yacht-Master angekündigt hatte, klingelte erneut sein Telefon. Er hob ab. Es meldete sich ein gewisser Marc Burger, der den Kontakt zu Renk von Angela Borsody bekommen hatte, die ihn als fachkundigen Schmuck- und Edelsteinexperten wärmsten empfahl. Renk dachte noch oft an Angela und freute sich sehr, dass sie ihn offenbar auch nicht vergessen hatte. Der Deal, den Burger ihm vorschlug, hatte es in sich. Der Ankauf von Schmuck im Werte von fünf Millionen Franken war eigentlich eine Nummer zu groß für Renk. Aber Burgers Rabatt von zwei Millionen Franken war so verführerisch, dass er sich nicht lange bitten ließ. Fritz Renk verdiente zwar gut mit dem Rolex-Schmuggel, aber mit einem fünf-Millionen-Wert in Händen könnte er den Meerblick, den sein luxuriöses Apartment bot, noch lange genießen und sich vielleicht sogar wieder mal einen Porsche leisten. Woher Burger den Schmuck hatte, wollte er zunächst nicht so genau wissen. Den Plan, wie man schnell an drei Millionen Franken kommen könnte, hatte er blitzschnell geschmiedet: einfach in einem Auktionshaus versteigern lassen. Sein nächstes Telefonat führte er mit Hohenstein in San Francisco. 

Kapitel 14

Auktionen in San Francisco 

Golden Gate Bridge San Francisco Schmugglergeschichten Ron MG

Dort unterbrach das Telefonklingeln den heftigen Streit, den Hohenstein mit seiner Frau Sharon hatte. Wie immer ging es um Geld, das nicht ausreichend zur Verfügung stand. Da kam die Anfrage von Fritz Renk gerade recht. Hohenstein freute sich, wieder mal mit ihm zusammen  zu arbeiten, hatte er doch fast nur gute Erinnerungen an ihre gemeinsamen Unternehmungen in München. Wichtiger war jedoch die Aussicht auf einen fetten Batzen Geld. Hohenstein müsste für Renk nur hochwertigen Schmuck, bestehend aus handgearbeiteten Einzelstücken, im Auftrag eines seriösen Kunden in einem Auktionshaus in San Francisco weit unter Wert anbieten. 50.000 Dollar, vielleicht auch mehr wären für ihn drin. Viel Geld für diese einfache Aufgabe. Hohenstein war dabei, was anderes blieb ihm auch gar nicht übrig um seine Ehe zu retten und sein kostspieliges Leben weiter führen zu können. Innerhalb von neunzig Tagen sollte die Ware versteigert werden. Hohenstein wunderte sich, warum Renk so aufs Tempo drückte. Bald würde er den Grund dafür erkennen. 
Warum kam er eigentlich nicht selbst auf die Idee den Schmuck in einem Auktionshaus zu versteigern, wollte Renk von Burger wissen. Die Antwort darauf war simpel. Er habe einfach nicht die Zeit dazu. Für jemanden, der Angela kannte, war das absolut nachvollziehbar. Angela wollte nicht länger auf das sonnige Leben an Portugals Algarveküste warten. Sie mache gewaltig Druck und drohe mit dem Ende der Beziehung. Zudem habe der Makler aus Albufeira ein Angebot für einen Bungalow direkt am Meer zum Schnäppchenpreis gemacht, das nur 48 Stunden gelte, log Burger. Weil Zeit Geld ist und ihm im Moment weder das eine noch das andere in ausreichendem Maße zur Verfügung stehe, ergebe sich für Renk die einmalige Chance groß ins Geschäft zu kommen, so Burgers Antwort. Als Renk weiter insistierte woher der Schmuck stamme, blieb Burger sehr vage und sprach von Vertraulichkeit seiner Geschäftsbeziehungen. Nebenbei ließ er fallen, dass Renk nicht der einzige Interessent für sein Super-Sonderangebot sei. Damit war der geködert und hatte mit dem Millionengewinn vor Augen alle Bedenken über Bord geworfen. Sie waren einer unermesslichen Gier gewichen. Die ihn so sehr blendete, dass er Burgers Geschäftsbedingungen zustimmte, ohne weiter darüber nachzudenken.

Kapitel 15

Zollfahndung vernimmt Meyer 

Zollhauptsekretär König setzte Mick Meyer unter Druck, dass Zollabgaben von mehreren zehntausend Euro für die geschmuggelten Uhren nachzubezahlen seien. Das wäre aber für Meyer das geringste Problem. Das Strafverfahren sähe bei Schmuggel, also Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall, Haftstrafen von bis zu zehn Jahren vor. Bei einer Hausdurchsuchung würde die Zollfahndung zudem nach Belegen für weitere Schmuggelfahrten suchen und sie wahrscheinlich auch finden, so König. Dann wäre auch gewerbsmäßiges Handeln nachgewiesen, was sich strafverschärfend auswirken würde. Sein Bankkonto werde offengelegt, die finanziellen Verhältnisse ausgespäht, sein Umfeld ausgeleuchtet und das Finanzamt eingeschaltet. Von den peinlichen Befragungen seiner Freunde, Bekannten, Vermieter und Geschäftskontakten mal ganz abgesehen. Der Abfalleimer quoll über vor blut- und eiterverschmierten Papiertaschentüchern. Meyers Hirn arbeitete wie ein Kraftwerk unter Volllast, dass kurz vor der Explosion steht. Ihm war klar,  dass die Hausdurchsuchung und vor allem die Auswertung seines Rechners mit all den Mails von Fritz Renk den Verdacht der Fahnder bestätigen würde. König und sein Partner Plank, die ahnten, dass hier mehr dahinter steckt, als nur der Schmuggel von ein paar hochwertigen Uhren, überzeugten Meyer schließlich, zumindest die Uhreneinfuhr bei der er erwischt worden war, zu gestehen. Das würde vor Gericht strafmildernd gewertet werden. „Vielleicht hören sie endlich auf weiter nachzubohren“ dachte Meyer und gab das Offensichtliche zu. Seinen Auftraggeber Fritz Renk wollte er eigentlich nicht verraten, jedenfalls nicht einfach so. Für ihn müsste dann schon ein bisschen was dabei rausspringen.
Nachdem ihn die Zollfahnder vernommen und seine Wohnung durchsucht hatten, befolgte Mick Meyer ihren Rat, zügig einen Rechtsanwalt zu konsultieren. König sah in Meyer einen bemitleidenswerten Menschen, der, von wem auch immer, ausgenutzt wurde und am Ende die dicke Rechnung zu bezahlen hatte. Die schäbige Wohnung mit den abgenutzten Möbeln, dem Uraltfernseher und den schmutzigen Fenstern aus denen man auf die laute Autobahn blicken konnte, passten in ihrer Trostlosigkeit zu ihrem Inhaber. Schon oft hatte König mit Leuten wie Mick Meyer zu tun gehabt. Zu oft sah er arme Schweine für smarte Hochstapler bluten. Er wollte an die Hintermänner, die im Luxus schwelgten. An die, die immer davon zu kommen scheinen. Sein Job war es nicht nur Ermittlungsverfahren so zu führen, dass sie vor Gericht Bestand hatten und die hinterzogenen Zölle und Steuern eingetrieben werden konnten. Er wollte Gerechtigkeit herstellen und die „großen Fische“ im Netz haben. Weil er auch eine väterliche Art hatte und gut mit einfachen Leuten reden konnte, gelang es ihm in vielen Vernehmungen, wichtige Informationen über die Hinterleute heraus zu bekommen. Aber in diesem Fall mussten er und seine Kollegen zunächst die ganzen schriftlichen Unterlagen und Rechnerdaten auswerten, die sie bei der Hausdurchsuchung in Meyers Wohnung gefunden hatten. Bereits bei der ersten Sichtung von Meyers E-Mail-Account fielen Plank die vielen Nachrichten eines Fritz Renk aus den Vereinigten Staaten auf.

Kapitel 16

 Deal in den Straßen von San Francisco

Straßen von San Francisco Schmugglergeschichten Ron MG

Der traf sich an einem kühlen Herbsttag mit Marc Burger im Taco-Bell Restaurant an der Eddy Street in San Francisco, keine Meile entfernt von der Fargo-Bank. Renk bestellte sich einen Kaffee und einen Burrito. Burger nahm dasselbe. Sie hielten sich nicht mit langen Vorreden auf, es gab nicht mehr viel zu besprechen. Der Deal war angelaufen. Renk erhielt wie vereinbart den zweiten Schlüssel für das Bankschließfach, in dem sich Schmuck für fünf Millionen Schweizer Franken befand. Den brauchte er um das Schließfach öffnen zu können. Das hatte nämlich zwei Schlösser und war somit ideal für Geschäftspartner, die sich gegenseitig nicht über dem Weg trauten. In der gleichen Bank hatte Renk auch einen Kredit in Höhe von drei Millionen Dollar aufgenommen. Da der Schmuck fast das doppelte Wert war und die von der Bank beauftragten Gutachter dies auch bestätigten, ging die Kreditvergabe problemlos über die Bühne. Die gesamte Summe ließ Renk anschließend an eine Briefkastenfirma in Südafrika transferieren, die nur dem Namen nach mit Diamanten handelte. Geschäftsführer der „Afrikaans Diamonds Trading“ war ein mittelloser Südafrikaner aus den Slums von Johannesburg. Er hatte 500 Südafrikanische Rand und einen neuen Anzug dafür bekommen, ein Dokument zu unterschreiben, das er nicht verstand, ihn aber zum Alleinverantwortlichen der Firma machte. Der faktische Geschäftsführer hingegen, der in keinem amtlichen Register auftauchte, war Marc Burger.
Damit hatte der sein Ziel erreicht. Er war wieder voll liquide und konnte das Projekt „Angela und er in Portugal auf der Sonnenseite des Lebens“ endlich verwirklichen. Bald würden zudem die weiteren Zahlungen von Jack Wayne auf dem Konto seiner zweiten Briefkastenfirma in Panama eingehen. Die eine Million US-Dollar, die Burger als Vorab-Zahlung von Wayne für die Überlassung der Ware verlangt hatte, war dem Konto schon gutgeschrieben. Burger hielt das Tempo hoch. Er versprach Wayne zusätzlich eine Million Dollar Rabatt, wenn der Restbetrag von sechs Millionen Dollar innerhalb von sechs Monaten auf dem Konto der Lemmon Fruits Import-Export in Panama eingehe, dem Konto, deren Geschäftsführerin Angela Borsody war. Gegründet wurde die "Firma" ohne Mitarbeiter, aber mit Postanschrift und Geschäftskonto, von Marc Burger, der dem Drängen von Angela nachgab sie als Verantwortliche ins Handelsregister eintragen zu lassen. Er verstand zwar nie, warum sie keinen Strohmann wollte, da er aber eine Kontovollmacht hatte, dachte er nicht weiter darüber nach. Ihm war vor allem der Zugriff aufs Geld wichtig. 
Als letzte Sicherheit behielt Burger sich ein Smaragdset für eine Million Franken zurück. Das edle Couplet in einer kleinen, beigen Schatulle war gerade bei einer übereilten Flucht gut zu transportieren und somit ideal als Reserve für den Notfall.

geschmuggeltes Smaragd-Set

Smaragd-Set 

Alcatraz Bundesgefängnis San Francisco, Schmugglergeschichten Ron MG

Ehemaliges Bundesgefängnis Alcatraz in der Bucht von San Francisco

Auf der Golden Gate Bridge, Ron MG

Golden Gate Brücke, San Francisco

Am nächsten Tag war Fritz Renk mit Eberhard Hohenstein in San Francisco verabredet. Sie trafen sich direkt in der Fargo-Bank. Hohenstein bekam dort die erste von drei Tranchen Schmuck für etwa eine Million Franken mit den dazugehörigen Echtheitszertifikaten und fuhr umgehend mit dem Taxi zum Auktionshaus, das ihn bereits erwartete. Gegenüber dem Auktionshaus trat Renk nicht in Erscheinung. Auch der Erlös der Versteigerungen ging auf das Konto von Hohenstein. Der leitete das Geld, nach Abzug seiner Provision, weiter auf ein Nummernkonto, das Renk bei der Bank of Bahamas in Nassau für diesen Zweck eröffnet hatte. Nummern- oder Kennwortkonten garantieren ein Höchstmaß an Anonymität. Nur wenige Bankangestellte kennen die Identität des Kontoinhabers. Dessen Name taucht nicht auf Überweisungen oder Kontoauszügen auf. Das war ideal für Renks Zwecke. 

Kapitel 17

Die Villa in Portugal 

Mallorca, Schmugglergeschichten Ron MG

Nun lief es wie geschmiert. Burger hatte seine Villa am Meer, die Zahlungen von Jack Wayne kamen regelmäßig aufs Panama-Konto. Renk ließ vom Auktionshaus versteigern, trat dort aber offiziell nie in Erscheinung. Das tat Hohenstein, der alles abwickelte und dafür gut bezahlt wurde. Jack Wayne holte die Ware Stück für Stück aus dem Leihhaus und machte ebenfalls gute Geschäfte. Der Schmuck war handgemacht, aus edlen Materialien und im Vergleich zu seinem tatsächlichen Wert spottbillig zu erwerben. Das sprach sich herum und so waren alle Schmuckstücke schnell verkauft und zierten die Hälse, Arme und Finger der wohlhabenden Kundschaft aus der Football-Szene und deren Umfeld.

*

Burger genoss derweil die portugiesische Sonne und gründete einen Tennisverein in Albufeira. So kam er schnell in Kontakt zum Bürgermeister, zu Ärzten und anderen gut betuchten Honoratioren der Gemeinde. Innerhalb kürzester Zeit war sein exklusiver Tennisclub mit teurer fünf-Sterne-Bewirtung der angesagteste Treff des Geldadels an Portugals Algarve-Küste. Das lag nicht zuletzt auch an Angela, die als wunderschöne und geistreiche Gastgeberin sehr begabt war. Die dunklen Nächte in dem seelenlosen Apartment in Basel waren zum Glück längst Geschichte. Die Privatpartys in Burgers Villa am Meer waren zügellos, berauschend und erfreuten sich genau deshalb großer Beliebtheit. Ganz nebenbei verdiente er mit den Clubbeiträgen und seiner Nobel-Vereinsgaststätte sehr gut. Zahlreiche Lokalpolitiker und auch Renk und Hohenstein waren gerne gesehene Gäste. 

Zu Beginn hatten sie noch ihre Frauen dabei. Da aber Angela die gutaussehende und gebildete Sharon Hohenstein als Konkurrenz betrachtete und Renk seine junge Freundin bei solchen Anlässen als eher lästig empfand, zogen es die Herren bald vor, alleine zu kommen. Bei den Partys waren nämlich viele attraktive Damen anwesend, die auch zu anderen Spielen als Tennis bereit waren und sie gerne mit ihrer Anwesenheit beglückten. Sonne, Meer, Champagner, Hummer, Kokain und freie Liebe, anything goes. 
Renk, der schon bald Stammgast bei Burger war, rechnete sich bei der schönen Angela wieder Chancen aus. Deswegen bemerkte er mit Unbehagen, dass sie sehr vertraut mit einem braun gebrannten Tennislehrer aus dem brasilianischen Recife umging. Das beschäftigte ihn so sehr, dass er gar nicht mehr an Meyer dachte. Erst als sich Juwelier Dukke aus München meldete und sich nach dem genauen Liefertermin für die bestellten zwanzig Yacht-Master-Uhren erkundigte, fiel Renk der Schmuggelauftrag wieder ein. Als er Meyer nicht augenblicklich telefonisch erreichte und der auch nicht auf seine Mails reagierte, wurde er misstrauisch. Nach der zweiten Schmuggeltour, bei der er fast aufgeflogen wäre, hatte Meyer ihm noch gesagt, er wolle sofort aufhören. Daraufhin hatte Renk den Lohn auf 2.000 Euro verdoppeln müssen und im Voraus gezahlt. Die Uhren müssten eigentlich schon im Schließfach am Hauptbahnhof in München liegen. Oder sollte Meyer ihn betrogen und die Uhren unterschlagen haben? Schwer vorstellbar, aber nicht unmöglich, dachte Renk. Die Auktionen mit dem Burger-Schmuck waren zwar zu seiner vollsten Zufriedenheit abgeschlossen, aber der eventuelle Verlust von Uhren im Wert von 200.000 Euro verdarb ihm gehörig den Appetit. Gleich nach seiner Ankunft in den Staaten würde er sich der Sache annehmen. Seine Freundin wollte ein paar Tage Urlaub in Dade County machen und danach mit ihm zurück nach München fliegen. Sie wusste noch nicht, dass sie bereits nach zwei Tagen den Rückflug alleine antreten würde. Renk hatte keine Verwendung mehr für die 22-jährige naive Allgäuerin. Das Geschäft mit dem Burger-Schmuck hatte ein Vermögen abgeworfen, so dass er keine Edelsteinimitate mehr verscherbeln musste. Er brauchte sie nicht mehr. Angela war es, um die seine Gedanken kreisten. Von einem Tennislehrer aus Brasilien wollte er sich jedenfalls nicht ausstechen lassen.

Kapitel 18

Sturm zieht auf

Zunächst nur ein ungutes Gefühl löste ein Telefongespräch bei Jack Wayne im fernen San Francisco aus, als er einen Anruf vom Coach seines Footballclubs erhielt. Der Trainer hatte bei Jack eine diamantenbesetzte Brosche für 100.000 Dollar als Geldanlage gekauft. Wie das Leben aber so spielte, musste er sie schnell zu Geld machen und wollte sie meistbietend versteigern lassen. Das von ihm beauftragte Auktionshaus stellte die Werthaltigkeit fest, nahm die Brosche an und listete sie in ihrem Katalog. Zur Versteigerung kam es jedoch nicht, weil das San Francisco Police Department die Brosche beschlagnahmte. Der Coach fragte im Auktionshaus nach dem Grund dafür. Die Angestellte verweigerte ihm eine Antwort. Sie sagte nur einen Satz, den er auch Jack Wayne mitteilte: „Die Polizei wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen“. 
Nun war es so weit. Die Kantonspolizei Zürich hatte den unterschlagenen Schmuck der Firma Hürli über Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Das bedeutete, alle Polizei- und Grenzbehörden suchten weltweit nach der Ware. Sämtliche Handelsplattformen, Auktions- und Leih-Häuser wurden geprüft und gegen Strafandrohung aufgefordert, solche Schmuckstücke bei Antreffen zu melden. 
Die Auswirkungen lösten ein Erdbeben aus. Nicht nur in San Francisco, auch in Miami, München und ganz besonders in Portugal. Dort zwar zeitverzögert aber dafür umso heftiger.

Jack Wayne hatte, wie geplant, innerhalb eines halben Jahres Schmuck für den er insgesamt sieben Millionen Schweizer Franken bezahlt hatte, für zehn Millionen US-Dollar weiterverkauft. Das waren, nach Abzug der Kosten, über zwei Millionen Dollar Gewinn für ihn. Er betete zum Himmel, dass nur diese eine Brosche heiß war und niemand mehr von ihm gekauften Schmuck zur Auktion oder in ein Leihhaus gäbe. Nicht auszudenken, wenn der ganze Schmuck Diebesgut wäre. Er griff zum Hörer und rief Burger an. "Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben" tönte es aus dem Telefon. Als auch seine E-Mails an Burger nicht zugestellt werden konnten, schwante ihm schlimmes.

*

Auch Renk erhielt einen Anruf, der ihn beim Dinner im Capital Grille in Dade County erreichte. Hohenstein, der vor Aufregung kaum noch einen zusammenhängenden Satz herausbrachte, hatte Post vom Auktionshaus bekommen. Mehreren Kunden waren die ersteigerten Schmuckstücke weggenommen worden. Die US-Zollbehörden hatten sie bei deren Rückreisen aus dem Urlaub beschlagnahmt. Außerdem mussten sie unangenehme Fragen der Beamten beantworten, die sie wie Verbrecher behandelten und stundenlang festsetzten. Die Folge waren Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe an das Auktionshaus, das die Klageschrift des Zivilgerichts in San Francisco umgehend an Hohenstein als alleinigen Auftraggeber der Auktionen weiter reichte. Das San Francisco Police Department hatte bereits die Unterlagen für sämtliche Schmuckversteigerungen, die in Hohensteins Auftrag liefen, sichergestellt. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Polizei ihn zum Verhör holen würde. Hohenstein machte Renk klar, dass er mit den Ermittlungsbehörden kooperieren werde, um einer Haftstrafe zu entgehen. Renk wusste, was das bedeutete. Er würde sich nicht aus dem Schlamassel heraushalten können. Während sein Steak neben ihm kalt wurde versuchte er Hohenstein zu beruhigen. Er versicherte, die Sache zu regeln. Zuerst müsse er wissen was in der Klageschrift steht, dann würde er nach München fliegen, um dort einen Anwalt für internationales Recht zu konsultieren. Sie vereinbarten alle schriftlichen und elektronischen Unterlagen über das Schmuckgeschäft dem Zugriff der US-Justiz zu entziehen und nach München zu bringen. Er fluchte innerlich. Jetzt wo alles perfekt lief, das Geld floss und seine provinzielle Freundin Geschichte war, gerade jetzt so ein Problem an der Backe, dessen Dimension er langsam zu begreifen begann.

Kapitel 19

Burger ahnt nichts

Marc Burger dagegen hatte keine Probleme. Die See lag ruhig da, noch. Sein Leben war wie ein schöner langer Traum, der nie enden sollte. Alles war toll, bis auf den Umstand, dass Angela öfter auswärts bei einer Freundin übernachtete. Da Angela viele Freundinnen hatte, wusste er nie so genau, bei welcher sie sich gerade aufhielt und es interessierte ihn auch nicht allzu sehr. Das war gut für Angela. Sie hatte nämlich ein Auge auf den brasilianischen Tennislehrer geworfen und traf sich regelmäßig mit ihm, vor allem nachts. Kurz vor Sonnenuntergang in Albufeira rief Fritz Renk aus München bei Marc Burger an. Das Gespräch verlief in gelöster Atmosphäre. Burger hatte offenbar noch nichts von den "Schwierigkeiten" mitbekommen, die sein Schmuck verursachte. Das Telefonat endete wie immer mit der Einladung für Renk nach Portugal. Burger freute sich schon auf die nächste Party. Er ahnte ja nicht ansatzweise, was passieren würde.

Kapitel 20

Alles auf eine Karte

Zwei Tage später trafen sich Hohenstein und Renk in dessen Wohnung in München-Neuperlach. Es war ein kühler, regnerischer Herbsttag und er entsprach der Stimmung der beiden. Hohenstein stand als Ansprechpartner des Auktionshauses in San Francisco im Fokus. Die US-Polizei ermittelte gegen ihn und das Auktionshaus nahm ihn in Regress. Er machte Renk Vorwürfe, ihm das volle Risiko aufgebürdet zu haben. Renk dagegen habe sich fein raus gehalten und nur kassiert, so Hohenstein, der panische Angst vor einer Haftstrafe in den Staaten hatte. Er forderte von Renk nun volle Unterstützung, auch finanzieller Art. Der sah ein, dass er aus dieser Nummer nur mit einem klaren Plan und einem guten Anwalt einigermaßen unbeschadet herauskommen würde. Dass der Schmuck gestohlen war, hatte er wirklich nicht wissen können. Die vorgelegten Zertifikate wiesen Burger als Eigentümer aus. Die Frage, ob er nicht misstrauisch geworden sei, so hochwertige Ware für einen Bruchteil des Wertes angeboten zu bekommen, würde sein Rechtsanwalt beantworten müssen. Eine Verurteilung wegen Hehlerei war nicht unwahrscheinlich. Dazu kamen die erheblichen Schadenersatzforderungen des Auktionshauses. Hohenstein und Renk waren sich einig, dass Burger als Schuldiger an der ganzen Misere dafür bluten musste. Renk fiel ein, dass ihm Burger ein besonders schönes Smaragd-Set für eine Million Schweizer Franken nicht verkaufen wollte. Es sei ein Geschenk für Angela, behauptete Burger damals. Dieses teure Stück musste noch in seinem Besitz sein, oder bei Angela. Renk wollte es, nein er musste es haben. Als Rücklage für schlechte Zeiten, die sich schon abzeichneten. Und als Pfand für die Kosten die noch auf ihn und Hohenstein zukommen würden. Die Flüge nach Portugal waren schon gebucht. Die Anspannung der Beiden wuchs mit jeder Minute. 

Kapitel 21 

Gewalt in Albufeira

Faro Zitadelle, Schmugglergeschichten Ron MG

Burger erwartete Renk und Hohenstein schon mit Vorfreude. Ihre Zimmer in seiner palmengesäumten Villa hatte er auch schon herrichten lassen. Nach den vielen rauschenden Festen, die sie gemeinsam gefeiert hatten, war zwischen den nur scheinbar verschiedenen Männern eine vordergründig enge Verbindung entstanden. 
Als Renk und Hohenstein am frühen Nachmittag eintrafen, war Burger alleine. Seine Angestellten kamen erst abends zur Arbeit und Angela hatte Tennisunterricht. Nach einer kurzen, ungewohnt frostigen Begrüßung konfrontierte Renk den völlig überraschten Burger mit den Geschehnissen und wollte wissen woher der Schmuck stamme. Burger versuchte auszuweichen, aber Renk ließ nicht locker. Hohenstein stand während der immer lauter werdenden Diskussion an der Türe von Burgers Büro. Nachdem er festgestellt hatte, dass sie alleine in der Villa waren, zog er sie zu. Den Schmuck habe ihm ein Scheich aus Dubai verkauft, log Burger. Renk glaubte ihm kein Wort und kam umgehend zur Sache. „Wo ist das Smaragd-Set?“, fragte er fordernd. Burger gab sich unwissend. Renk ging zur zugezogenen Bürotür und sperrte sie ab. Im selben Moment sprang Hohenstein Burger von hinten an. Burger verlor das Gleichgewicht und knallte mit dem Kopf gegen die Schreibtischkante. Dort blieb er benommen liegen. Über seinem linken Auge war die Haut aufgerissen und er blutete heftig. Renk und Hohenstein zerrten ihn auf den Bürosessel neben dem Schreibtisch und fesselten ihm die Hände mit den mitgebrachten Kabelbindern auf den Rücken. Dabei bedrohte ihn Hohenstein mit einem langen, beidseitig geschliffenen Messer. Renk machte Burger unmissverständlich klar, dass sie nicht ohne das Smaragd-Set gehen würden. Bevor Burger etwas sagen konnte steckte ihm Hohenstein eine durchsichtige Plastiktüte über den Kopf und fixierte sie mit Klebeband an seinem Hals. Burger japste nach Luft wie ein Fisch im Trockenen und zappelte in Todesangst auf seinem Stuhl. Beim Einatmen zog sich die Plastiktüte zusammen und legte sich direkt auf sein Gesicht. Renk forderte ihn wieder auf das Set heraus zu geben. Andernfalls würden sie ihn ersticken lassen und dann die Villa durchsuchen. Renk war zu allem entschlossen. Er wollte das Set um jeden Preis. Schon näherte sich Hohenstein mit seinem Messer dem Kopf von Burger. Er holte aus, so als wolle er ihn in den Hals stechen, stoppte dann aber kurz vorher ab und schnitt nur die Plastiktüte auf. Burger schnappte hastig nach Luft und röchelte vor Erschöpfung. Renk reichte ihm ein Taschentuch während er sich abwendete. Der Blick in Burgers blutverschmiertes Gesicht mit den schreckensgeweiteten Augen war selbst Renk zu gruselig. Burger spürte, dass sie es ernst meinten.

Springmesser, Schmugglergeschichten Ron MG

„Was ist nun mit dem Smaragd-Set?“ fragte Hohenstein ungeduldig während er eine weitere durchsichtige Plastiktüte aus seiner Hosentasche kramte. „Okay, Ihr habt gewonnen“, flüsterte Burger matt, „es ist im Tresor“. Renk, der seine Freude kaum verbergen konnte, verlangte den Schlüssel. „Ihr müsst mich losmachen, es gibt einen Code und einen Fingerscanner“, keuchte Burger. Hohenstein löste mit seinem Messer die Fesseln, nicht ohne Burger vor Widerstand zu warnen. Mit zittrigen Fingern gab Burger die Zahlenkombination ein und scannte seine linke Hand. Blitzschnell, noch bevor Renk ihn zur Seite stoßen konnte, öffnete Burger den Safe und griff sich die offen darin liegende Pistole, eine österreichische Glock 9 mm. Die Waffe gehörte Angela, die sie immer als Lebensversicherung dabei hatte, als sie noch als Prostituierte ihre Freier empfing. Burger richtete die Waffe sofort auf Renk. Hohenstein, der etwas seitlich stand, ging unbeeindruckt auf Burger zu und griff beherzt nach der Pistole. Der drückte ab. Anstatt eines Schusses war nur ein metallisches Klicken zu hören. Hohenstein hatte gleich gesehen, dass kein Magazin in der Pistole war. Er entriss Burger die Glock und schlug sie ihm wütend auf den Kopf. Marc Burger fiel zu Boden und bewegte sich nicht mehr. "Der hätte uns jetzt abgeknallt", zeigte sich Renk kurz betroffen. Dann sprang zum offenen Tresor und warf den Inhalt, mehrere verschlossene Briefumschläge, hektisch heraus. Dann endlich fand er, was er gesucht hatte: in einer beigen Schatulle ganz hinten lag das Couple. Triumphierend zeigte er Hohenstein die Beute und steckte sie in die Tasche seines Sakkos. In der Eile übersah er den herunter gefallenen braunen Briefumschlag mit 20.000 US-Dollar und einem deutschen Pass, ausgestellt auf Marcello Bürger, mit dem Bild von Marc Burger. Nachdem sie den Ohnmächtigen auf das Sofa im Büro neben den Schreibtisch gehievt hatten, verließen sie das Anwesen, nicht ohne alles wieder so herzurichten wie vor der kleinen Auseinandersetzung. Dann rasten mit ihrem Leihwagen direkt zum Flughafen nach Faro.

Eine Stunde später wachte Burger mit einem Brummschädel auf seiner Couch auf. Der Tresor war wieder verschlossen und außer seiner verkrusteten Wunde über dem Auge und den Blutspuren in Gesicht und Kleidung deutete nichts mehr auf den voran gegangenen Kampf hin. Die beiden Münchner hatten keine Spuren hinterlassen. Nur ein Teil von Burgers Notfall-Paket, nämlich der braune Umschlag, lag am Boden. Das Smaragd-Set war weg. Gerade als er seine Gedanken sortierte und sein Gesicht mit der Tischdecke abwischte kam Angela zur Tür herein. Ihre Haare waren etwas zerzaust und sie wirkte –im Gegensatz zu Burger- sehr entspannt.

Kapitel 22

Zollfahnder schlafen nicht

Zollfahndung München, Schmugglergeschichten Ron MG

Mick Meyer hatte schlecht geschlafen. Seit der Sache mit den Uhren am Flughafen vor vier Wochen fühlte er sich noch unsicherer als sonst. Das hing auch damit zusammen, dass er Fritz Renk wahrheitswidrig erzählt hatte, dass die Rolex-Uhren wie geplant im Schließfach am Hauptbahnhof München lagern würden. Was ihn aber am meisten beunruhigte, war der Umstand, dass Renk sich seitdem nicht mehr meldete. Das war ungewöhnlich. Üblicherweise holte er die Uhren schnellst möglich ab. Ob er was gerochen hat? Das Klingeln der Türglocke riss ihn aus seinen Grübeleien. Das mussten die beiden Zöllner Hans König und Benno Plank sein, die nach der Auswertung seines Computers mit ihm reden wollten, um ihm Gelegenheit zu geben, sich zur Sache zu äußern, wie sie es in ihrem Beamtendeutsch nannten. Mick hatte von seinem Anwalt eingebläut bekommen, keine Aussagen ohne ihn zu machen. Seine Neugier war jedoch stärker. Was hatten die Zollfahnder wohl herausbekommen? Nachdem die Ermittler eingetreten und Platz genommen hatten, belehrten sie ihn, wie bei seiner ersten Vernehmung am Flughafen, über sein Aussageverweigerungsrecht und versicherten gleichzeitig, dass er das Gespräch jederzeit abbrechen könne. „Was sollte also schon schief gehen?“, versuchte Meyer sein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Anwalt zu beruhigen. Die Fragen könne er sich ja mal anhören. 

*

Plank kam gleich zur Sache. „Ist Fritz Renk der Mann, für den Sie die Uhren geschmuggelt haben?“ fragte er. „Wie oft haben Sie Uhren von Zürich nach München gebracht. An wen hat Renk die Uhren verkauft?“ Mick wandte zunächst die alt bewährte Salamitaktik an: er gab nur zu, was klar und eindeutig auf dem Tisch lag. „Sie haben mich beim ersten Flug erwischt“, behauptete er. Dabei fing ein Pickel am Kinn zu bluten an. Alleine daran erkannte der erfahrene Zollobersekretär, dass Meyer log. Betont langsam überreicht ihm König ein Papiertaschentuch. Dabei teilte er Meyer in ruhigem aber eindringlichem Ton mit, dass Meyer sechs Mal nach Zürich geflogen sei, um dort Uhren zu holen, das wüsste er von seinen Züricher Kollegen. Mick räumte schließlich ein, dass er tatsächlich so oft geflogen sei. Uhren habe er allerdings nur beim letzten Mal dabei gehabt, behauptete er. Wieder ging ein Pickel auf, diesmal ein besonders großer, unappetitlicher auf seiner Stirn. Für König war das ein untrüglicher Hinweis. „Entweder Sie kooperieren mit uns oder Sie lassen es sein. Aber nur jetzt könnten sie mit einer Zusammenarbeit Pluspunkte für sich sammeln. Wir sind an den Auftraggebern des Uhrenschmuggels interessiert, nicht an den Laufburschen.“ führte König seine Befragung fort. „Auch der Staatsanwalt ist an den „dicken Fischen“ interessiert. Und er würdigt das Bemühen des Täters nach der Tat, den Schaden wieder gut zu machen. Das heißt, dass Sie uns sagen müssen, wo die ganzen Uhren abgeblieben sind. Packen Sie endlich aus bevor es für Sie zu spät ist. Sie wissen selbst am besten, was auf Ihrer Festplatte alles gespeichert ist. Was glauben Sie, wie lange es dauert bis wir Renk haben?“ Nach der Standpauke legte König die Ausfuhrdokumente des Schweizer Zolls auf den Tisch. Fein säuberlich waren da alle Reisen und sämtliche Uhren mit den jeweiligen Seriennummern aufgelistet, die Meyer von Zürich nach München gebracht hatte. Um die Schweizer Mehrwertsteuer erstattet zu bekommen, musste er die Ausfuhr der Uhren immer vom Schweizer Zoll bestätigen lassen. Dass die Uhren die Schweiz verlassen hatten, war damit amtlich. Mick Meyer öffnete die Bar seines billigen Einbauschranks, holte eine noch halb volle Flasche Metaxa drei Sterne heraus, öffnete sie und nahm einen großen Schluck daraus. Jetzt war er bereit zu reden. Und: er hatte noch einen Joker auszuspielen. Sie schienen alles zu wissen. Aber wo Renk wohnte, war auf seinem Rechner nicht gespeichert. Dem Einwohnermeldeamt und auch den Zollfahndern war das nicht bekannt, sonst wären sie nicht hier. Diese Information hatte er exklusiv.

Die Reise nach Berlin

Berliner Flughafen Schönefeld

Früherer Flughafen Berlin Schönefeld im Osten der Stadt. Jetzt Flughafen Berlin-Brandenburg

Künstler am Brandenburger Tor in Berlin

Brandenburger Tor in Berlin

Potsdamer Platz Berlin, Schmugglergeschichten Ron MG

Bahnhof Potsdamer Platz in Berlin

Im gleichen Moment als Renk und Hohenstein aus Lissabon am Flughafen Berlin Tegel landeten, telefonierte Hans König in München mit dem Staatsanwalt in Landshut um einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung von Fritz Renk in Neuperlach zu beantragen. 

Marc Burger in Portugal weinte sich derweil bei Angela aus. Er erzählte ihr in allen Einzelheiten, wie perfide sich Renk und Hohenstein sein Vertrauen erschlichen und ihn dann brutal ausgeraubt hätten. Angela schien abwesend, als sie seine Geschichte hörte. Sie dachte vielmehr an ihren Tennislehrer, mit dem sie die letzte Nacht verbrachte. Schön war es gewesen. Dennoch musste sie ihn loswerden. Und nicht nur er würde bald Vergangenheit sein.

*

Am nächsten Abend standen Renk und Hohenstein an der Bar des noblen Hotels Adlon am Brandenburger Tor in Berlin. Sie waren zu einer Schicksalsgemeinschaft wider Willen geworden. Das Smaragdset hatten sie in einem gemeinsamen Schließfach einer Berliner Bank hinterlegt. Nur wenn beide persönlich bei der Bank erschienen, konnte das Schließfach geöffnet werden. Da sich die beiden Herren gut kannten, hielt sich ihr gegenseitiges Vertrauen in engen Grenzen. Oder wie Renk zu sagen pflegte: „Vertrauen muss man sich leisten können“. Die Firma Hürli musste für diese Erkenntnis teuer bezahlen.

Kapitel 23

Aufatmen in Zürich 

Hannah Hübig saß entspannt auf einem der schwarzen Ledersessel im Büro ihres Chefs Roger Hürli in der Firmenzentrale in Zürich. Während sie an ihrem Kaffee nippte erstattete sie Bericht über die mittlerweile wieder aufgetauchten Schmuckstücke aus der „Burger-Kollektion“. Noch lagen sie in den Asservatenkammern des US-Zolls und des San Francisco-Police-Departments (SFPD). Oder waren noch im Besitz der verärgerten Kunden des unglücksseligen Jack Wayne. Der von Hannah Hübig beauftragte Rechtsanwalt in den Staaten hatte bereits die Herausgabe der insgesamt 60 Schmuckstücke an die Firma Hürli beantragt. Sie führte weiter aus, dass eine Klage auf Schadensersatz gegen ein Auktionshaus in San Francisco, sowie gegen den Initiator der Auktionen, einen gewissen Eberhard Hohenstein, bei Gericht eingereicht sei. Die vertrauensseligen Menschen, die von dem Football-Manager Jack Wayne den unterschlagenen Schmuck gekauft hatten, wurden gegen Androhung von straf- und zivilrechtlicher Verfolgung aufgefordert, die Sachen umgehend zurück zu geben. Der Grundsatz, dass man an Diebesgut kein Eigentum erwerben kann, gilt auch in den USA. Das SFPD war von der Kantonspolizei Zürich um Amtshilfe gebeten worden und schickte die Kundendateien des Auktionshauses und ihre gesamten Ermittlungsergebnisse nach Zürich. 
Somit konnten die Schweizer Ermittler den Verbleib eines jeden einzelnen Schmuckstücks aufklären. Sie wussten genau, wer wann was gekauft oder ersteigert hatte und für wie viel. Das letzte Puzzlestück, das fehlte, war das Smaragd-Set, von dem niemand wusste, wer es hatte und wo es sich befindet. 
Hannah Hübig erwähnte noch, dass neben Marc Burger der Deutsche Eberhard Hohenstein, als Auftraggeber des Auktionshauses in San Francisco, auf der Fahndungsliste der Kantonspolizei stehe und vielleicht etwas über das fehlende Schmuckset wisse. Sie lächelte Roger Hürli freundlich an und schloss damit ihre Ausführungen. Dem war die Erleichterung anzumerken. Er dankte Hannah Hübig überschwänglich und begleitete sie zur Tür. Dann gab er ihr die Hand und hielt sie länger als üblich fest. Er sah sie mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Bewunderung an und fragte, ob sie sich vorstellen könne, nach Basel zu ziehen um dort Filialleiterin zu werden.

Kapitel 24

No way out

Tombstone, Gerichtsgebäude mit Galgen, Schmugglergeschichten Ron MG

Auch Jack Wayne sah nach einem längeren Gespräch mit dem Police Department, bei dem ihm zunächst eine lange Haftstrafe wegen Hehlerei angedroht wurde, keinen anderen Ausweg, als zu kooperieren. Weil der Coach seines Football-Teams wegen der beschlagnahmten 100.000-Dollar-Brosche auch von der Polizei verhört wurde, wussten die Ermittler, dass er gewerbsmäßig teuren Schmuck in der Football-Szene verscherbelt hatte. Die Polizei hätte seine Kunden auch ohne seine Hilfe identifiziert. Also nannte er alle Namen der mehr oder weniger prominenten Käufer und belastete Marc Burger schwer. Er hoffte, damit den Tatvorwurf der Hehlerei entkräften zu können. Die Polizei wäre er dann los, aber da waren ja noch die Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe.  
Die vielen Menschen aus seinem persönlichen und beruflichen Umfeld, die ihm die außergewöhnlichen Schmuckstücke förmlich aus der Hand gerissen hatten, waren jetzt gegen ihn aufgebracht und verklagten ihn. Der Super-Gau, er war erledigt, alle die ihm nahe gestanden waren rückten von ihm ab. Es gab praktisch niemanden mehr, der mit ihm sprach, außer den Rechtsanwälten und der Polizei. Nicht zu vergessen die US-amerikanische Finanzbehörde, die auf seine steuerpflichtigen Verkäufe aufmerksam geworden war. Als wäre das nicht genug wollte auch noch der US-Zoll die schwindelerregend hohen Einfuhrabgaben für die Schweizer Schmuckwaren bei ihm eintreiben.

Abzeichen Homeland security, Schmugglergeschichten Ron MG
Highway Patrol, Schmugglergeschichten Ron MG

Jack Wayne blickte aus seinem Sessel auf die vielen Briefe auf dem Wohnzimmertisch. Er hatte nur einen geöffnet und der enthielt seine fristlose Kündigung als Manager der San Francisco Bay Fighters. 
Die Sonne ging gerade unter und die Jack-Daniels-Flasche neben ihm war schon ausgetrunken. Er stand auf und wankte zum Schrank, um sich eine weitere Flasche zu holen. Vor drei Stunden hatte seine Freundin, mit der er schon fünf Jahre zusammen gewesen war, die Beziehung per SMS beendet. Dann klingelte auch noch das Telefon. „Die nächste Hiobsbotschaft kommt zumindest nicht per Textnachricht", dachte sich Wayne. Es war sein Anwalt, der ihm mitteilte, dass er das Mandat nicht fortsetzen würde, wenn nicht innerhalb der nächsten 48 Stunden eine Anzahlung von mindestens 10.000 Dollar auf sein Honorar seinem Konto gut geschrieben seien. 
Jack Wayne öffnete die neue Flasche, nahm daraus einen großen Schluck im Stehen und ließ sie dann einfach fallen. Er griff nach dem auf der Couch liegenden Revolver der Marke Smith & Wesson, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab. Den Whiskey hatte er noch nicht herunter geschluckt, so dass ihm das Geschoss Kaliber `38 den Schädel zerfetzte.

Kapitel 25 

Die Ermittlungen

Über den Dächern von München

Der Schlüsseldienst brauchte nicht lange, um die Türe zur Wohnung von Fritz Renk zu öffnen. Hans König, Benno Plank und zwei weitere Zollfahnder traten vorsichtig ein. Sie überzeugten sich zuerst davon, dass sich niemand in der Wohnung aufhielt. Es kam oft vor, dass die Wohnungsinhaber das Läuten der Türglocke ignorierten und nicht öffneten um dann die Beamten beim Betreten der Wohnung zu attackieren. Das kleine Apartment war aufgeräumt und der Kühlschrank, bis auf drei Bierflaschen, einem angebrochenen Glas Erdbeermarmelade und einem Stück ranziger Butter, leer. Die Durchsuchung ging schnell vonstatten. In den Schränken war wenig Bekleidung und bis auf ein altes Radio waren keine elektronischen Geräte vorhanden. Auch sonst wies alles darauf hin, dass der Wohnungsinhaber nicht oft da ist. Einzig die vielen Fotokopien von Schmuck- und Edelsteingutachten auf dem Wohnzimmertisch, alle erstellt von einem "Sachverständigen" namens Marc Burger, schienen interessant zu sein. Auch der daneben liegende, umfangreiche Schriftsatz eines Zivilgerichts in San Francisco könnte eine heiße Spur sein. König fand im Papierkorb schließlich noch einen Kaufvertrag eines Autohändlers an der Wasserburger Landstraße in München vom letzten Jahr. Renk hatte dem seinen Porsche für 100.000 Euro verkauft. Was sie erhofft hatten zu finden, fehlte: die 100 oder mehr Rolex-Uhren von Meyers vorangegangenen fünf Schmuggelflügen. Plank füllte ein Protokoll aus und packte die beschlagnahmten Dokumente ein. Die Kopie des richterlichen Durchsuchungsbeschlusses ließ er zusammen mit seiner Visitenkarte in der Wohnung auf dem Schreibtisch liegen. 

*

Nur eine Stunde später rief Renk aus Berlin bei Meyer auf dessen Handy an. Das Gespräch versetzte Renk den nächsten Tiefschlag. Meyer gestand ihm jetzt, dass er bei der Zollkontrolle aufgeflogen war und die Uhren weg waren. „Warum hast Du das nicht gleich gesagt anstatt mich so dreist anzulügen? Wieso bist Du nicht ans Telefon gegangen und hast nicht auf meine Mails geantwortet? Hast Du Schwein mich verraten?“, schrie Renk ins Telefon. Meyer suchte weiter nach Ausflüchten: „Ich war drei Monate im Gefängnis, habe denen aber nix gesagt.“ „Was!? Wegen der paar Uhren so lange in Haft?“, Renk konnte das nicht glauben. Als er nicht aufhörte Meyer immer mehr unangenehme Fragen zu stellen, schlug dieser schließlich ein Treffen vor. Da könne er ihm alles genau erklären, vor allem wollte er erst einmal Zeit gewinnen. Sie verabredeten sich am nächsten Tag um 22:00 Uhr im Mc Donalds-Restaurant im Euro-Industriepark in München. Nach dem Telefonat rief Meyer sofort Hans König an. Dabei zitterten seine Hände vor Nervosität so sehr, dass er kaum sein Handy halten konnte. 
Renk quälte sich derweil mit der Frage, ob Meyer ihn verpfiffen hat, um weniger Strafe zu bekommen. Sein Flug von Berlin-Tegel nach München sollte um 21:00 Uhr im Erdinger Moos landen. Von dort aus wollte er direkt mit dem Taxi zur Verabredung mit Meyer im Industriepark im Münchner Norden. Weil keine Zeit mehr war, vorher in seine Wohnung in Neuperlach zu fahren, wusste er nichts von der bei ihm stattgefundenen Hausdurchsuchung.

Die Ermittlungen der Zollfahndung gegen Renk liefen auf Hochtouren. Das Rechtshilfeersuchen an die Kantonspolizei Zürich zu den in München gefundenen Schmuckgutachten des Marc Burger war kaum abgeschickt, da meldeten sich die Züricher Kollegen bereits telefonisch bei Benno Plank. Als der Zollobersekretär anschließend in das Büro von Hans König stürmte, hatte der gerade das Gespräch mit Mick Meyer beendet. „Bingo!“ rief Plank, „Dieser Burger hat den Schmuck von einem Züricher Schmuckgroßhändler in Provision bekommen und dann unterschlagen. Die Sachen sind 15 Millionen Franken wert. Er hat die Klunker in Amerika von Auktionshäusern verkaufen lassen und ist dabei aufgeflogen. Die Schweizer haben fast alles rausbekommen. Der Schmuck ist teilweise von US-Behörden sichergestellt worden und der Rest bei Leuten, die nicht gewusst haben wollen, dass sie heiße Ware gekauft haben. Aber der Clou kommt noch.“, Plank machte eine bedeutungsvolle Pause, „Ein Smaragd-Set für eine Million Franken fehlt. Bei den Gutachtenkopien, die wir in Renks Wohnung sichergestellt haben, ist auch die von exakt dem Set dabei. Die Schweizer haben noch einen Deutschen als Tatverdächtigen. Der hat in San Francisco die Auktionen in Auftrag gegeben und heißt Eberhard Hohenstein. Unser Computer sagt, dass er vor knapp zwei Jahren nach Amerika ausgewandert ist. Es gab ein paar Betrugsverfahren in München, weil er falsche Markenuhren als echte verkauft hat und noch ein paar andere Dinger, die er gedreht hat. Ob er deswegen in die Staaten abgehauen ist?“, so die Vermutung von Plank. „Warum hat ausgerechnet Renk Kopien von Gutachten in seiner Wohnung rumliegen, die dieser Burger über Schmuck erstellt hat, der von ihm selber unterschlagen wurde? Und was hat unser Renk mit Burger und diesem Hohenstein zu tun?“, wollte König wissen. 
„Welche Verbindung zu Burger besteht, weiß ich nicht“, antwortete Plank, „aber mit Hohenstein hat Renk vor zwei Jahren in München Eventmanager beschissen. Das sind Firmen, die professionell von Großveranstaltungen bis hin zu exklusiven Partys alles  ausrichten. Die beiden haben Super-Feten mit Live-Bands, Lightshows und allem Drum und Dran geordert und dann nix bezahlt. Und By the way“ , fügte Plank ein, „der Fahndungscomputer hat ausgespuckt, dass Renk Anfang letzten Jahres in der Leopoldstraße mit 150 Sachen von der Polizei gestoppt worden ist.“ „Ja und, sind wir die Verkehrspolizei?", wunderte sich König über die Anmerkung des Kollegen. „Das Auto, in dem er saß, war sein Porsche mit einem US-Kennzeichen. Er hat der Polizei erzählt, dass er in den Staaten wohnt und nur vorübergehend als Tourist hier ist. Das stimmt auch, er ist laut Einwohnermeldeamt in die USA verzogen.“ führte Plank die Sache weiter aus. König dachte laut nach: „Ein halbes Jahr lang darf er als Tourist ohne Wohnsitz in Deutschland sein aus den Staaten mitgebrachtes Auto hier fahren. Danach muss er es wieder in die USA ausführen oder beim Hauptzollamt anmelden und happige Einfuhrabgaben bezahlen. Er hat`s einfach verkauft und sich die 20.000 Euro für den Zoll und die Einfuhrumsatzsteuer gespart. Die nächste Steuerhinterziehung!“ Der Fall wurde immer komplexer. Hans König rekapitulierte. „Renk hat Meyer sechs Mal angestiftet, hochwertige Uhren aus der Schweiz nach Deutschland zu schmuggeln. Als Beweise haben wir die sichergestellten Uhren der sechsten Tour, die Ausfuhrdokumente des Schweizer Zolls für alle Uhren und die Aussage von Meyer, nach der Renk der Auftraggeber sei. Stellt sich die Frage, wo die Uhren der fünf anderen Touren geblieben sind. In Renks Wohnung in München waren sie jedenfalls nicht.“ Und es gab noch viele weitere offene Fragen. Besteht eine Verbindung von Renk mit Burger und dem in der Schweiz unterschlagenen Schmuck? Warum hat Renk die Gutachten von Burger und die an Hohenstein gerichtete US-Klageschrift in seiner „konspirativen“ Münchner Wohnung liegen? Wo ist das eine Millionen-Smaragd-Set? Wäre es in Deutschland, hätte es als Schweizer Ursprungsware verzollt werden müssen. 
Ob gestohlen oder unterschlagen, beides ist vor dem Zollgesetz egal. Wird die Ware bei der Einfuhr nach Deutschland nicht deklariert, liegt zumindest der Verdacht auf eine Steuerhinterziehung vor. 
„Der springende Punkt ist doch, wo das Teil ist und wer es hat. In Frage kommen eigentlich nur drei Leute: Burger, Hohenstein oder Renk“ meinte Plank. „Oder alle drei zusammen“, ergänzte König. „Das Set könnte auch schon an eine uns nicht bekannte Person weiterverkauft worden sein“, warf Plank ein, „Ich kenne da einen alten Hehler aus Giesing, den werde ich mal fragen“. „Beeil Dich aber“, rief ihm König zu. „morgen um 22.00 Uhr nehmen wir Renk fest.“

Kapitel 26

Einladung zum Kaffee

Ron MG, Bayerisches Landeskriminalamt

Herbert Hecht, der polizeibekannte Hehler, saß auf dem Balkon seiner Wohnung an der viel befahrenen Tegernseer Landstraße in Giesing, als Benno Plank an seiner Türe klingelte. Der 71-Jährige öffnete und war einigermaßen überrascht. „Schön, Sie mal wieder zu sehen“ sagte Plank zur Begrüßung. Er freute sich wirklich. Hecht war ein typischer Münchner Kleinkrimineller aus der guten, alten Zeit. Er kaufte und verkaufte alles, außer Drogen und sah sich dabei als ehrlichen Händler. Irgendwie war er das auch, bis auf den Umstand, dass er ausschließlich Diebesgut im Bestand hatte. Seine Geschäfte erfasste er penibel in mehreren, mit schwarzem Leder eingebundenen Büchlein, die nach Jahreszahlen geordnet waren. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung vor drei Jahren fand die Polizei die Aufzeichnungen, glücklicherweise nur die des laufenden Jahres, und konnte so problemlos seine letzten Geschäfte nachweisen. Das brachte ihm zwei Jahre Gefängnis ein, die wegen seines Alters zur Bewährung ausgesetzt wurden. „Was wollen Sie? Ich bin schon lange raus aus dem Geschäft" argwöhnte Hecht. Plank gab vor, nur über alte Zeiten sprechen zu wollen und lud ihn zum Frühstück in das gegenüber liegende Schnellrestaurant ein. Vor fünf Jahren stand Hecht im Verdacht, eine Kiste mit 50 Stangen Zigaretten, die aus Russland eingeschmuggelt waren, gekauft zu haben. Plank ermittelte damals gegen eine osteuropäische Bande, die in großem Stil unverzollte Zigaretten nach München brachte und sie über Kioske, Gaststätten und Leute wie Hecht absetzte. Deswegen durchsuchte er die Wohn- und Geschäftsräume von Hecht. Der Verdacht mit den Zigaretten bestätigte sich nicht. Stattdessen fanden die Zollfahnder eine auffällige mit Diamanten besetzte Rolex, die einem arabischen Scheich in einem Münchner Luxushotel am Tucherpark gestohlen worden war. Da der Dieb die Uhr natürlich nicht verzollt hatte, stellte der Ankauf neben der Hehlerei auch eine Steuerhehlerei dar. Die fälligen Zollgebühren von gut 15.000 Euro hätte Hecht bezahlen müssen, von einer happigen Strafe ganz zu schweigen. Weil Plank ihn überzeugte, den Namen des „Uhrenverkäufers“ preis zu geben, ging die Sache für Hecht einigermaßen glimpflich ab. Die Diebin, eine Jurastudentin, die sich im Zimmerservice des Hotels ein paar Euro dazu verdient hatte, musste sich strafrechtlich verantworten und die Zollabgaben zahlen. Weil ohne Hecht die Täterermittlung schwierig geworden wäre, kam er mit einer kleinen Geldstrafe davon. Den Zoll für die Uhr bezahlten die wohlhabenden Eltern der Studentin. Sie taten im Übrigen alles, um diese unschöne Sache möglichst schnell aus der Welt zu schaffen. Glücklicherweise stahl ihre Tochter die Uhr einen Tag vor ihrem 21. Geburtstag. Als Heranwachsende unterlag sie damit dem milderen Jugendstrafrecht. Sie zeigte zudem echte Reue und war Ersttäterin. Das und ihr ausgezeichneter Strafverteidiger verhalfen ihr zu einer Verfahrenseinstellung gegen eine zwar saftige aber strafrechtlich nicht weiter relevante Geldauflage. Dieser einmalige Fehltritt läuterte die junge Frau. Sie kniete sich fortan in ihr Studium und arbeitet heute als sehr erfolgreiche Rechtsanwältin in einer bekannten Münchner Kanzlei.
Herbert Hecht hatte Hunger und kein schlechtes Gewissen. Plank hatte ihn bei der Sache damals auch fair behandelt; also nahm er die Einladung zum Frühstück dankend an. Nachdem sie bei Hamburger, Pommes und mehreren Tassen Kaffee die alte Geschichte noch Mal Revue passieren ließen und dabei herzhaft lachten, kam der Fahnder zur Sache und fragte Hecht nach Renk, Hohenstein und Burger. Hecht überlegte lange. Natürlich kannte er Hohenstein, der bei ihm oft Einzelteile von Rolex-Uhren gekauft hatte. Und auch Renk, der ihm falsche Diamanten andrehen wollte, war ihm bekannt. Eigentlich verbot ihm seine Berufsehre, der Polizei oder dem Zoll Informationen zu geben. Weil er aber zum einen gegenüber Plank eine gewisse Dankbarkeit empfand und zum anderen speziell Renk nicht ausstehen konnte, erzählte er dem Zollobersekretär, was er wusste.

Kapitel 27

Renk in Schwierigkeiten

Einsatz Zollfahndung München, Schmugglergeschichten Ron MG
Handschellen, Zoll, Schmugglergeschichten Ron MG

Tags darauf standen Hans König und Benno Plank in ihrem dunkelblauen Audi A4 um Punkt 22:00 Uhr auf dem Parkplatz des amerikanischen Schnellrestaurants im Euro Industriepark und beobachteten den hell erleuchteten Eingang. Daneben parkte ein roter VW Passat, in dem Zollobersekretär Heinz Greif und Zollsekretärin Gaby Leicht warteten. Sie betrachteten gerade ein Foto von Fritz Renk, das vor einigen Jahren bei einer erkennungsdienstlichen Behandlung gemacht worden war. Minuten später erschien Mick Meyer und ging in das Restaurant. Er holte sich einen Kaffee und setzte sich an einen der Tische. König und Plank betraten nun auch das Lokal und postierten sich an einem der Stehtische. Im gleichen Moment, als Meyer die beiden Ermittler bemerkte, kam Renk zur Tür herein. König erhielt gleichzeitig über sein verdeckt getragenes Funkgerät eine Nachricht von Gaby Leicht, die ihm das Eintreffen der „Zielperson“ meldete. Sollte Renk bei der Festnahme versuchen zu fliehen, würden ihn Heinz Greif und Gaby Leicht am Ausgang erwischen. Die Beiden verließen nun ihr Dienstfahrzeug und beobachteten Renk von außen durch die hell erleuchteten Fenster. 
Renk war am Tisch von Meyer eingetroffen und begrüßte ihn kurz. Der war gerade damit beschäftigt, einen blutenden Pickel an der Stirn mit einer Papierserviette abzutupfen, da traten König und Plank an ihren Tisch. Sie hielten Renk ihre Dienstausweise unter die Nase und forderten ihn auf, sich auszuweisen. Renk erstarrte, er warf Meyer einen hasserfüllten Blick zu, stand auf und griff in die Innentasche seiner Lederjacke um seinen Personalausweis herauszuholen. In dem Moment als König nach dem Ausweis griff, ließ ihn Renk fallen und schlug dem überraschten Beamten mit der Faust ins Gesicht. König wich taumelnd zurück. Blitzschnell rannte Renk jetzt los Richtung Ausgang. Plank erwischte ihn zwar noch am Revers, konnte ihn aber nicht festhalten. Renk hatte nur einen einzigen Schritt Vorsprung, doch wegen der viele Menschen im Lokal, die Plank bei der Verfolgung im Weg standen, vergrößerte sich der Abstand schnell. Renk stieß kurz vor dem Ausgang mit einer älteren Frau zusammen. Die stürzte blutend zu Boden und schrie auf vor Schmerz. Durch den Zusammenprall verlor er zwar etwas an Tempo, war aber trotzdem schon draußen. Gerade, als er richtig los sprinten wollte, grätschte ihm Gaby Leicht in die Beine, so dass er der Länge nach hinfiel. Er landete bäuchlings auf dem harten Teerboden zwischen leeren Getränkebechern und mit Ketchup verschmierten Schachteln, in denen sich noch ekelhafte Reste von schimmeligen Hamburgern befanden, die gerade von Ameisen abtransportiert wurden. Bevor er sich berappeln konnte kniete die sportliche Zollsekretärin auf ihm. Blitzschnell griff sie seinen linken Arm und setzte zu einem schmerzhaften Hebel an. Widerstand war zwecklos. Die Handschellen schnappten zu. Zollobersekretär Greif tastete den noch am Boden liegenden Renk ab und half ihm dann hoch. Kaum stand er, bugsierte ihn Greif schon in den von Plank vorgefahrenen Dienst-Audi. Hans König, der den Faustschlag mit einer leicht geschwollenen Nase überstanden hatte und Gaby Leicht schirmten währenddessen Renk vor schaulustigen Passanten ab, die alle mit ihren Handys Videos machten. Da die ganze Aktion binnen weniger Minuten ablief, hatten die Gaffer jedoch zu wenig Zeit für vorzeigbare Aufnahmen. Die dunklen, verwackelten Filmchen waren selbst für YouTube zu schlecht. Manche dieser Passanten waren darüber so frustriert, dass sie die Beamten als Scheißbullen und Nazis beschimpften. Das konnten die Ermittler aber nicht mehr hören, so schnell waren sie in ihre Autos gesprungen und abgedüst.

*

Mick Meyer hatte sich zwischenzeitlich aus dem Staub gemacht, wie es ihm König aufgetragen hatte. Er flüchtete sich in die nächst gelegene Bar. Dort bestellte er sich einen doppelten Cognac, den er auf einen Zug ausleerte. Der Barkeeper bemerkte, dass Meyer zitterte, während er mit einer gebrauchten Papierserviette des Schnellrestaurants einen blutenden Pickel an seiner rechten Wange abtupfte. Als er noch einen Doppelten bestellte, ließ der Barkeeper die Flasche gleich auf dem Tresen stehen.

Kapitel 28

Vertreibung aus dem Paradies

Während Meyer sich in einer Bar in München betrank, saß Marc Burger im 2.600 Kilometer entfernten Albufeira an der Algarve in seinem Büro und dachte nach. Angela war wieder einmal bei einer Freundin über Nacht geblieben. Normalerweise kam sie am nächsten Tag wieder nach Hause. Doch nun war sie schon seit zwei Tagen weg und auch telefonisch nicht erreichbar. Ihr Tennislehrer, der merkwürdig verlegen wirkte, als Burger ihn nach ihr fragte, wusste scheinbar auch nichts. Er machte sich Sorgen über Angelas Verschwinden. Aber noch viel größere Sorgen machte ihm die Sache mit dem Schmuck. Seine Geschäftspartner Jack Wayne und Fritz Renk waren offensichtlich mit seinem Schmuck aufgeflogen. Früher oder später würde die Polizei auch bei ihm auf der Matte stehen. Er war sich sicher, dass Jack Wayne und Fritz Renk ihn bei der Polizei als Alleinschuldigen benennen würden, um ihre eigene Haut zu retten. Dass er vor einer mehrjährigen Haftstrafe stand, war ihm auch bewusst. Er goss sich einen Chivas Regal in seinen schweren Crystal-Whiskeyschwenker und schloss versonnen die Augen. Sollte sein Traum vom unbeschwerten Leben in Saus und Braus jetzt und hier enden? Er musste weg und zwar schnell. Das Smaragd-Set war verloren, aber er hatte ja noch 20.000 Dollar Bargeld, einen deutschen Pass, der sich erst nach genauer Prüfung als Fälschung erwies und Fake-Firmen in Südafrika und Panama mit prall gefüllten Bankkonten. Er genoss noch in Ruhe seinen Drink und packte danach seine große, knallrote Reisetasche. Darin verstaute er alles, was von seinem Leben in Portugal übrig blieb. Er fragte sich, wie es mit ihm und Angela wohl weiter gehen würde. Dass sie was mit dem Tennislehrer hatte, war ihm inzwischen klar. Würde sie den jungen, sportlichen Brasilianer sein lassen und mit ihm nach Panama gehen? Oder würde sie ganz etwas anderes tun? Man wusste bei ihr nie, wie sie reagierte. Sie war unberechenbar. Konnte er ihr überhaupt noch trauen? Er fuhr den Rechner hoch, um das Konto seiner Briefkastenfirma in Panama bei der Global Bank in El Dorado zu checken. Als er die letzte Kontobewegung sah erbleichte er. Angela hatte das komplette Konto leergeräumt und die Überweisungsdaten gelöscht. So konnte er nicht sehen, wohin sie das Geld transferiert hatte. Nur der Tag der Überweisung war noch erkennbar: vorgestern. An dem Tag hatte sie das Anwesen verlassen und ward seitdem nicht mehr gesehen. Burger war am Boden zerstört. „Dieses verdammte Miststück“, murmelte er leise vor sich hin. Angela und mit ihr der Großteil seines Vermögens waren weg. Er sah in den Schränken nach und stellte fest, dass sie fast nichts mitgenommen hatte. Nur ihr kleiner Rollkoffer und ein paar Kleidungsstücke fehlten. Er rief sie auf ihrem Handy an. Die automatische Ansage teilte ihm mit, dass diese Rufnummer nicht mehr vergeben sei. Erst jetzt fiel ihm auf, wie wenig er eigentlich von ihr wusste.

Kapitel 29 

Das Ende der Angela Borsody

Tags zuvor fuhr ein gelbes Taxi aus Faro am Abflugterminal des Flughafens Lissabon vor. Eine Frau mit verspiegelter Sonnenbrille, Mitte 30, bekleidet mit abgewetzten Jeans und einer dunkelblauen Daunenjacke stieg aus. Ihr Haar verbarg sie unter einer roten Wollmütze. Der Fahrer holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum und verabschiedete sich. Ende November ist es in Lissabon nicht mehr ganz so warm, aber immer noch verhältnismäßig mild. Die Dame schlug den Kragen ihrer Daunenjacke soweit hoch, dass von ihrem Gesicht fast nichts mehr zu sehen war. Sie ging mit ihrem kleinen Rollkoffer zum First-Class-Schalter der portugiesischen Fluglinie TAP und legte ihren auf den Namen Gerda Rüttli ausgestellten Schweizer Reisepass vor. Nachdem sie dort die Bordkarte für den nächsten Flug nach Madrid bekam, begab sie sich in die First-Class-Lounge um sich dort mit einem Käsesandwich und einem Glass Sekt zu stärken. Dann suchte sie die Toilette auf. Dort schloss sie sich ein, fischte einen Pass aus ihrem schwarzen BH und zerriss ihn in tausend Stücke, die sie ins Klo warf. Sie drückte die Spülung und sah zu, wie die Überreste des ganz passabel gefälschten österreichischen Passes einer Angela Borsody durch das Abflussrohr verschwanden.

Kapitel 30

Stand der Dinge

Marc Burger war in tiefer Trauer. Schlimmer noch als der Verlust des Geldes war die Erkenntnis, dass Angela die Beziehung mit ihm einfach so beendet hatte. Sie gab ihm keine Chance, hatte sich ohne ein Wort aus dem Staub gemacht. Er dachte an seine Ehefrau Jana und seine beiden Töchter. Seiner Familie hatte er auch keine Chance gegeben. Da hatte er sich davon gemacht. Und einen Scherbenhaufen hinterlassen. Jetzt kannte er das Gefühl, sitzengelassen geworden zu sein. Er nahm sich fest vor, Jana und seine Kinder anzurufen, wenn er erst in Sicherheit war. Dann setzte er sich wieder an seinen Computer und buchte online einen Flug nach Curacao. Nachdem er die ganze Flasche Whiskey getrunken hatte, schlief er direkt auf der Couch in seinem Büro ein.

Kapitel 31

Kampf um Freiheit

JVA Hamburg, Schmugglergeschichten Ron MG

Fritz Renk wachte um 04.30 Uhr morgens in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim auf. Eine Stunde vor dem offiziellen Wecken. Er hatte schlecht geschlafen, aber immer noch besser als die Nacht vorher. Die Zollfahnder hatten ihm da erst mit ihren unangenehmen Fragen den letzten Nerv geraubt und dann in der Haftanstalt des Polizeipräsidiums München in der Ettstraße eingesperrt. 

Polizeipräsidium München, Schmugglergeschichten Ron MG

Dort verbrachte er die Nacht in einer Sammelzelle mit Drogenabhängigen und besoffenen Schlägern, also dem gesammelten Abschaum einer Großstadt. Es war die schlimmste Nacht seines Lebens. Am nächsten Morgen erließ der Ermittlungsrichter Haftbefehl gegen ihn und er wurde nach Stadelheim gebracht. Dort erwartete er heute Nachmittag den Besuch seines Rechtsanwalts. 

*

Um 7.30 morgens saßen Hans König, Benno Plank und weitere Kollegen vor ihren dampfenden Kaffeetassen bei der Morgenbesprechung in der Dienststelle der Zollfahndung am Flughafen. Der Chef der Truppe, Zollamtsrat Robert Adler, ließ sich von seinen Beamten den aktuellen Sachstand der wichtigsten Ermittlungsverfahren vortragen. Als König an der Reihe war, konnte er zu seinem Bedauern nicht berichten, wo das fehlende Smaragd-Set und die von Meyer eingeschmuggelten Rolex-Uhren waren. Fritz Renk, der gleich nach seiner Festnahme vernommen worden war, nahm sein Recht in Anspruch, die Aussage zu verweigern. König war sich aber sicher, dass Renk bei der Beweislage kooperieren würde. Wenn sein Rechtsanwalt erst einmal Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft beantragt hatte, wird er alles versuchen, seinen Mandanten aus der U-Haft zu holen. König fügte schmunzelnd hinzu „in vier Wochen ist Weihnachten“. Jeder im Raum wusste warum er das erwähnte. Weihnachten wollte keiner im Knast verbringen, da wurden auch die härtesten Kriminellen weich. Sie sangen plötzlich bei den polizeilichen Vernehmungen wie die Chorknaben, allerdings keine Weihnachtslieder.

Kapitel 32

Abschied vom Luxusleben

Berlin Alexanderplatz, Schmugglergeschichten Ron MG

Eberhard Hohenstein hatte sich im Berliner Hotel Adlon eingemietet. Nachdem Fritz Renk nach München geflogen war, genoss er die Annehmlichkeiten des Fünf-Sterne-Hotels und den hohen Freizeitwert, den die Bundeshauptstadt bot. In einer Woche hatten Renk und er einen Termin bei einem Rechtsanwalt in München, der die Sache mit dem amerikanischen Gerichtsverfahren regeln sollte. Danach musste er unbedingt wieder zurück in die Staaten.

Seine Frau Sharon drohte ihm mit Scheidung. Er wusste, dass es keine leere Drohung war. Es war zwar noch genug Geld auf seinem Konto, um seine luxusverwöhnte Frau zufrieden zu stellen, aber es würde nicht ewig reichen. Außerdem war seine Einnahmequelle versiegt. Und nicht nur das: Schadenersatzzahlungen drohten ihm, die er sich beim besten Willen nicht leisten konnte. Und eine Strafverfolgung wegen Hehlerei war auch noch nicht vom Tisch. Er setzte seine ganzen Hoffnungen in den Verkauf des Smaragd-Sets, in den Münchner Rechtsanwalt und in Fritz Renk. Vor allem bei Letzterem war das wohl ein Fehler. 

Kapitel 33

Das Ende naht

Lissabon, Schmugglergeschichten Ron MG

Marc Burger schlief noch tief und fest auf der Couch in seinem Büro, als um 8:00 morgens die Tür aufflog. Erschrocken sprang er auf und stand direkt vor einem portugiesischen Polizisten. Zwei weitere Uniformierte und ein Beamter in Zivil kamen dazu. Burger, verkatert mit zerknitterten Hemd und halb runter gezogener Jeans, zitterte in der morgendlichen Kühle und vor Anspannung. Nun war das eingetreten, was er unter allen Umständen vermeiden wollte: seine Festnahme. Er hatte das bisher erfolgreich verdrängt und war nur auf eine schnelle Flucht vorbereitet gewesen. Nie hätte er damit gerechnet, dass es ihn ausgerechnet in Portugal erwischen würde. Der Polizist überreichte ihm einen Durchsuchungsbeschluß und sagte etwas, was Burger nicht verstand. Er konnte nur wenig Portugiesisch. Die mehrseitige gerichtliche Anordnung war für ihn deshalb ein Buch mit sieben Siegeln. Also verlangte er in gebrochenem Portugiesisch einen deutsch sprechenden Rechtsanwalt. Da trat der Beamte in Zivil, ein Feldweibel der Kantonspolizei Zürich, vor und sprach ihn in Schweizer Deutsch an.

Burger stutzte als er den vertrauten Dialekt vernahm. Der Feldweibel empfahl Burger, mit der Polizei zusammen zu arbeiten. „Wenn Sie es vorziehen hier lange in Auslieferungshaft zu sitzen, werden Sie genug Zeit haben sich mit ihrem Anwalt zu beraten und bestimmt auch die Landessprache lernen. Sollten Sie jedoch die portugiesische Arrestzelle möglichst schnell mit einer wesentlich komfortableren Unterbringung in der Schweiz tauschen wollen, müssen Sie mit mir reden.“ fuhr der Kantonspolizist fort, ohne sich überhaupt vorgestellt zu haben. Ein Uniformierter unterbrach ihr Gespräch. Er hielt Angelas Pistole in der Hand und verlangte von Burger einen Waffenschein. Natürlich hatte er keinen.

Kapitel 34

Das Smaragd-Set

geschmuggelter Schmuck, Ron MG, Zollfahndung München Flughafen

Der Landshuter Staatsanwalt Hubert Klein rief eine Woche später, es war der 07. Dezember, bei König an. Renks Rechtsanwalt hatte mittlerweile Akteneinsicht erhalten und stimmte einer Vernehmung seines Mandanten in der JVA Stadelheim zu. Klein besprach mit König die Vorgehensweise. Übereinstimmend räumten sie dem Auffinden des fehlenden Smaragd-Sets die erste Priorität ein. Klein meinte „Wenn er das aufklärt und sagt, an wen er die Rolex-Uhren verhökert hat, können wir über eine Bewährungsstrafe reden“. Der Zollhauptsekretär sah das genauso. „Entweder er ist der Hehler oder er weiß zumindest, wer das Teil hat und wo es ist. Wenn das Set in Deutschland ist, steht neben dem Tatvorwurf der Hehlerei auch noch eine fette Steuerhinterziehung im Raum. Dann hätte es als schweizer Ursprungsware verzollt werden müssen. Da wären schlappe 200.000 Euro fällig“ resümierte er. König war als Zollfahnder auch Finanzbeamter. Genauso wichtig, wie die Ermittlung und Bestrafung des Täters, war für den Zöllner das Eintreiben der hinterzogenen Steuern für die Staatskasse. Sollte er das Smaragd-Set in Deutschland finden, würde er das Corpus Delicti nicht nur als Beweismittel beschlagnahmen, sondern auch als Pfand für die entstandenen Steuern einbehalten. Die Zollverwaltung würde es erst dann herausgeben, wenn die Steuerschuld bezahlt ist, von wem auch immer. 

Kapitel 35

Renk leidet

Festnahme Zoll, Schmugglergeschichten Ron MG

Renk starrte auf das vergitterte Fenster über ihm und dachte angestrengt nach. Er musste hier raus, so schnell wie möglich. Auf jeden Fall vor Weihnachten. Er war weder besonders gläubig noch rührselig. Aber der Gedanke, an Heilig Abend alleine in einer Zelle ohne Drinks und Frauen zu sitzen und das Rumgeschreie der vorwiegend nordafrikanischen Abschiebehäftlinge aus dem benachbarten Zellentrakt ertragen zu müssen, raubte ihm fast den Verstand. Sein Anwalt hielt nach dem Studium der Ermittlungsakte eine Bewährungsstrafe für möglich, wenn er die Zollfahnder zu dem Set führen und alle Tatbeteiligten nennen würde. "Damit könnte man den schwersten Tatvorwurf der Hehlerei abschwächen, weil das Hehlergut wieder da und der Schaden damit gut gemacht wäre. Die Steuerhinterziehung mit dem Porsche räumen wir ein, die ist sowieso klar belegbar und fällt nicht weiter ins Gewicht“, riet ihm sein Anwalt. „Da nehmen wir den Strafrabatt für das Geständnis mit. Bei den Rolex aus Zürich ist die Beweislage ziemlich dünn. Nur die Aussage von diesem Meyer, einem gewerbsmäßigen Uhrenschmuggler, wird für eine Verurteilung nicht ausreichen. Der ist auf frischer Tat ertappt worden und versucht natürlich, sich raus zu reden. Das ist nicht sehr glaubhaft. Vermuten können die Zöllner da viel, aber beweisen? So lange sie nicht mehr haben als den E-Mail-Verkehr zwischen Meyer und Ihnen, machen wir dazu keine Angaben.“ Abschließend empfahl ihm sein Anwalt augenzwinkernd „Wer zuerst schießt, gewinnt.“ Renk wusste, was damit gemeint war. Er musste das Berliner Bankschließfach preisgeben, bevor Hohenstein es tun konnte. Damit wäre seine Version der ganzen Geschichte glaubwürdig und schwer zu widerlegen. Er würde dann auf alle Fälle in den Genuss des Strafrabatts kommen, ganz egal was Hohenstein oder Burger den Fahndern später noch erzählen würden. Gut, dass es keine Beweise dafür gab, dass er Hohenstein mit dem Absatz des Schmucks über das Auktionshaus beauftragt hatte. Alles lief mündlich und ohne Zeugen ab. Dank seines Nummernkontos führte auch keine Geldspur zu ihm. Problematischer war da schon Marc Burger. Früher oder später würde die Polizei ihn auch erwischen und ihm die Pistole auf die Brust setzen. Und Burger würde ihn und Hohenstein belasten, da war sich Renk sicher. Das Einzige, was ihm gefährlich werden könnte, war die Überweisung von drei Millionen Franken an Burgers Scheinfirma in Südafrika, die Renk unter seinem eigenen Namen von der Fargo-Bank in San Francisco durchführen ließ. Auf die müssten die Ermittler aber erst einmal kommen. Burger würde nicht so dumm sein, ihnen das Versteck seiner Beute zu verraten. Darauf baute Renk. 
Sein Anwalt impfte ihm förmlich ein, was er bei der kurz vor Weihnachten stattfindenden Vernehmung aussagen sollte: Die Beziehung zu Burger war rein freundschaftlich. Es bestanden keinerlei geschäftliche Verbindungen. Von dessen Machenschaften hat er deshalb nichts mitbekommen. Das Smaragd-Set hat Hohenstein ihm kürzlich für einen guten Preis verkauft. Weil er die Ware nur anbezahlt hat, lagert sie bis zur vollständigen Begleichung des Kaufpreises in einem Bankschließfach in Berlin. Dass sie aus einer Unterschlagung stammt, konnte er nicht wissen. Damit haben alleine Burger und Hohenstein etwas zu tun. Er sei aus allen Wolken gefallen, als er den Tatvorwurf im schriftlichen Haftbefehl gelesen habe. Die Flucht vor der Zollfahndung in München war eine Kurzschlussreaktion. Seine Angst war ja nicht unbegründet, was man unschwer an seiner ungerechtfertigten Verhaftung sehen könne. Wegen nicht bewiesener Vorwürfe der Hehlerei und Anstiftung zur Steuerhinterziehung haben sie ihn gleich eingesperrt. Vorwerfen kann man ihm nur den Verkauf eines Autos ohne Meldung an den Zoll.

schneebedecktes Zollfahrzeug Flughafen München

Als der erste Schnee auf München fiel, erhielt König einen Anruf von der Kantonspolizei Zürich. Hoch erfreut nahm er zur Kenntnis, dass Marc Burger in Portugal ausgepackt hatte. „Ob die abenteuerliche Geschichte mit dem Raub des Smaragd-Sets durch Fritz Renk und Eberhard Hohenstein tatsächlich so stattgefunden hat, ist fraglich. Fakt ist, dass Burger die beiden schwer belastet hat“ berichtete sein Schweizer Kollege. Er bat den deutschen Zollfahnder, Renk und Hohenstein mit der Aussage Burgers zu konfrontieren und wenn irgend möglich das Set wieder zu beschaffen. Die beiden Ermittler waren sich einig, dass sie Burger, Renk und Hohenstein gerichtsfest überführen könnten. Burger würde in der Schweiz, Renk und Hohenstein im bayerischen Landshut der Prozess gemacht werden. König bedankte sich und legte auf.

Kapitel 36

Stille Nacht in Stadelheim?

Frohe Weihnachten, Ron MG, Schmugglergeschichten

Zehn Tage vor Weihnachten fand in der JVA Stadelheim die Vernehmung von Fritz Renk statt. In dem kleinen Besucherraum des Untersuchungsgefängnisses nahmen der Beschuldigte Renk und sein Rechtsanwalt sowie die beiden Ermittler König und Plank an einem abgenutzten Holztisch Platz. Die dazu passenden einfachen aber unbequemen Stühle knarzten, als sie sich setzten. Renk gab die mit seinem Anwalt abgesprochene Geschichte wieder, Plank schrieb sie am Laptop auf. Nachdem Renk auf die Frage nach dem Verbleib des Smaragd-Sets Namen und Anschrift der Bank in Berlin, sowie die Schließfachnummer nannte, unterbrach König die Vernehmung für eine kurze Zigarettenpause. Der Einzige, der dann auch wirklich zum Rauchen raus ging, war Zollobersekretär Plank. Renk, der hoffte nun freigelassen zu werden und sein Anwalt blieben sitzen und unterhielten sich leise. König verließ kurz den Raum um in seiner Dienststelle anzurufen. Seine dortigen Kollegen, die schon gespannt darauf warteten, leiteten sofort die notwendigen Maßnahmen zur Wiederbeschaffung des Sets ein. So informierten sie die Berliner Zollfahndung, die umgehend zur Bank fuhr und zeitgleich Staatsanwalt Klein, der telefonisch einen richterlichen Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss beantragte. 

*

Während in München die Befragung von Fritz Renk weiter ging, betraten die Berliner Ermittler das Bankgebäude am Potsdamer Platz und verlangten die Öffnung des von Renk genannten Schließfachs. Die Juristin aus der Rechtsabteilung der Bank beharrte auf einem Gerichtsbeschluss, der eine Stunde später auf ihrem FAX-Gerät einging.
Die Beschuldigtenvernehmung des Fritz Renk neigte sich dem Ende zu, als König die erlösende Nachricht per SMS erhielt. Das Set war im Gewahrsam der Berliner Zollfahndung. Als er dies der Runde mitteilte, war Renk sichtlich erleichtert und sah sich schon in Freiheit. Mit den Worten „Eine letzte Frage habe ich noch“, begann König seinen Großangriff auf Renk. „Von wem haben Sie das Smaragd-Set?“ „Von Hohenstein, habe ich doch schon gesagt“, antwortete Renk. „Kann es nicht sein, dass sie es von Marc Burger haben und Hohenstein nur dabei gewesen ist“, hakte König nach. Renk erschrak. „Was wollen Sie damit andeuten?“, fragte sein Anwalt. „Nun“, erklärte König. „Was, wenn die Herren Burger und Hohenstein die Geschichte ihres Mandanten nicht bestätigen und sich die Sache ganz anders abgespielt hat?“ „Was unterstellen Sie da?“, fuhr der Anwalt König an. Der ließ die Bombe hoch gehen. „Die Schweizer Polizei hat Marc Burger in Portugal festnehmen lassen. Bei seiner Erstvernehmung hat er ausgesagt, dass Eberhard Hohenstein und Ihr Mandant ihm das Set in Portugal gewaltsam entwendet haben.“ „Wieso steht davon nichts in den Akten? Schon mal etwas vom Grundsatz des fairen Verfahrens gehört?“, zischte der Anwalt König an. „Sorry, das habe ich erst gestern telefonisch erfahren“, entgegnete der Fahnder süffisant grinsend. „Das war´s dann, die Vernehmung ist beendet.“, knurrte der Anwalt verärgert. Hans König setzte seine unschuldigste Miene auf, während er sich mit den Worten „Na dann, Merry Christmas“, verabschiedete. Unvermittelt sprang Fritz Renk auf und forderte vehement seine Entlassung aus der Untersuchungshaft. Dabei sah sein Rechtsanwalt König vorwurfsvoll an. „Bevor wir nicht die Widersprüche in den Aussagen von Burger und ihrem Mandanten aufgeklärt haben, wird Staatsanwalt Klein keinen Antrag auf Außervollzugsetzung des Haftbefehls beim Gericht stellen.“ antwortete König. „Eberhard Hohenstein haben wir auch noch nicht dazu befragt“, ergänzte er. Als er noch beiläufig anmerkte „Dieses Jahr wird es wohl nichts mehr", brach für Renk eine Welt zusammen. Er habe doch gesagt, wo das Set sei, warum könne er dann nicht gehen, fragte er ungläubig. Als er voller Verzweiflung schrie „Was soll ich denn sonst noch machen?“ stieg König noch mal ein. „Sie sollten es mal mit der Wahrheit versuchen. Überlegen Sie doch mal. Warum sollte Burger einen Raubüberfall erfinden? Das Set war Teil des von ihm unterschlagenen Schmucks. Er hatte es also in seinem Besitz. Wenn er es an Hohenstein verkauft haben sollte wie Sie sagen, gibt es mit Sicherheit einen Vertrag, eine Bankgutschrift oder zumindest eine Quittung. Wenn Hohenstein es gutgläubig von Burger erworben hat, hat er irgendeinen Kaufnachweis, schon zur eigenen Sicherheit. Herr Renk, glauben Sie wirklich, dass er das Set einfach so von Burger gekauft hat? Und sind sie ganz sicher, dass er ihre Geschichte bestätigt? Hat Marc Burger den Raubüberfall durch Hohenstein und Sie wirklich nur erfunden? Glauben Sie auch, dass Hohenstein für Sie den Kopf hin hält? Wenn Ihre Antworten auf all diese Fragen "Nein" sein sollte, macht es für Sie keinen Sinn, Zeit zu verschwenden und hinter Gittern Weihnachten zu feiern.“ Das saß. Bei den Worten „hinter Gittern Weihnachten feiern“ stiegen Renk Tränen in die Augen. Als er bat, mit seinem Anwalt kurz unter vier Augen sprechen zu dürfen, nickten sich Hans König und Benno Plank zu. Nach fünf Minuten Unterbrechung setzten sich wieder alle an den Vernehmungstisch.

Kapitel 37

Licht am Ende des Tunnels

Weihnachtsmarkt Flughafen München 2019

Bei Einbruch der Dunkelheit verließen König und Plank die JVA Stadelheim und fuhren mit ihrem blauen Audi A4 zurück zur Dienststelle. Als sie in die Flughafentangente einfuhren, passierten Sie den riesigen, hellerleuchteten Christbaum, den die Flughafengesellschaft dort aufstellen ließ. Es fing zu schneien an. Die dicken Schneeflocken tanzten gut sichtbar an den Lichtmasten des Flughafens vorbei, bevor sie zu Boden glitten. „Weihnachten ist schon ein besonderes Fest“ meinte Plank. König nickte nur bedächtig.

Christbaum Flughafeneinfahrt München, Ron MG

Am nächsten Morgen beantragte Staatsanwalt Klein die Außervollzugsetzung des Haftbefehls gegen Fritz Renk. Das Amtsgericht verfügte daraufhin seine Entlassung aus der Untersuchungshaft, allerdings unter strengen Auflagen. Er durfte das Land nicht verlassen, musste seinen Pass abgeben und sich drei Mal die Woche bei der örtlichen Polizei melden. Jeglicher Kontakt zu Hohenstein war ihm gerichtlich verboten.

Kapitel 38

Besuch aus San Francisco

Winter am Flughafen München, Ron MG, Schmugglergeschichten

Eberhard Hohenstein wurde am 23. Dezember am Flughafen München von der Zollfahndung vorläufig festgenommen, als er Sharon, die gerade mit dem Flug aus San Francisco ankam, abholen wollte. Während er vernommen wurde, wartete sie verbittert in einem Café im Ankunftsbereich des Terminals 2. So hatte sie sich den gemeinsamen Weihnachtsurlaub mit ihrem Mann nicht vorgestellt. Sie fror und wollte nur noch weg von hier.

*

König und Plank erklärten ihm derweil seine hoffnungslose Situation und stellten ihn vor die Wahl: Sagen, was Sache ist oder sitzen bis das Christkind kommt. Als König nach zwei Stunden Vernehmung die Festnahme wieder aufhob, war Sharon Hohenstein schon in das nächste Flugzeug Richtung USA gestiegen. Sie reichte über ihren Rechtsanwalt die Scheidung ein und erwirkte ein Einreiseverbot für ihren zukünftigen Ex-Mann in die Vereinigten Staaten, in dem sie der Einwanderungsbehörde seine kriminellen Aktivitäten darlegte. Den Kontakt zu ihm brach sie vollständig ab. Eberhard Hohenstein sah seine Ehefrau nie wieder.

Die Kantonspolizei Zürich war sehr zufrieden, dass sie den Fall vollständig aufklären konnte. Die Firma Hürli bekam weite Teile ihres Schmucks zurück und konnte dadurch die drohende Insolvenz gerade noch abwenden.

Kapitel 39

Gewinner und Verlierer

Marc Burger wurde nach drei Monaten Auslieferungshaft in die Schweiz überstellt wo ihm der Prozess gemacht wurde. Er war von der Haft im Abschiebegefängnis Lissabon schwer gezeichnet. In der 40 qm großen Zelle ohne Tageslicht und mit nur einer Toilette, die er sich mit acht weiteren Gefangenen teilen musste, hatte er 20 Kilo Gewicht verloren und wirkte fast schon gebrechlich. Nichts erinnerte mehr an den sportlichen Sunny Boy, der er einmal gewesen war. Wegen Betrug und Unterschlagung verurteilte ihn das Bezirksgericht Zürich zu einer Haftstrafe von sechs Jahren. Bei der Gerichtsverhandlung saß Jana Burger mit ihren Töchtern im Zuschauerraum. Sie weinten, als ihr Noch-Ehemann und Vater bei der Urteilsverkündigung wie vom Blitz getroffen zusammensackte. Burger blickte auf und fühlte für einen kurzen Moment so etwas wie Scham. Dieses Gefühl wich aber schnell einem Selbstmitleid. Und der Erinnerung an Angela. 

*

Das Amtsgericht Landshut verurteilte Fritz Renk wegen Hehlerei in Tatmehrheit mit vollendeter Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die zur längst möglichen Bewährungszeit von drei Jahren ausgesetzt wurde. 
Dabei sah das Gericht den Erwerb und die Einfuhr von Hehlerware im Wert von einer Million Schweizer Franken als erwiesen an, wie auch die vollendete Steuerhinterziehung in sechs Fällen durch die Anstiftung von Mick Meyer zum Schmuggel der Uhren. Der bewaffnete Raub des Smaragd-Sets konnte wegen der abweichenden Aussagen der beteiligen Personen und fehlender Sachbeweise nicht ausreichend belegt werden. 
Fritz Renk gab zwar zu gemeinsam mit Hohenstein das Smaragd-Set in Portugal "abgeholt" und Burger dabei verbal bedroht zu haben. Die von Hohenstein gegen Burger ausgeübte körperliche Gewalt habe er jedoch niemals gewollt aber auch nicht verhindern können um nicht selbst Ziel von Hohensteins Attacken zu werden. Er habe kurzzeitig das Büro verlassen um sich etwas zu beruhigen. Als er wieder rein gegangen war hatte Hohenstein die Schmuckschatulle bereits in Händen. 
Natürlich tischte Hohenstein dem Gericht eine etwas mildere Version des Tathergangs auf, die sich naturgemäß von der Burgers wesentlich unterschied und Renk schwer belastete.   
Deshalb kam -mit Bauchschmerzen des vorsitzenden Richters- der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ zur Anwendung. Eine Verurteilung ist nach deutschem Recht nur dann möglich, wenn keine vernünftigen Zweifel an der Schuld des Angeklagten bestehen. 
Durch den Schmuggel des unterschlagenen Schmucks, der insgesamt 100 Rolex-Uhren und der nicht bezahlten Zollgebühren beim Verkauf des Porsches entstand ein Steuerschaden von insgesamt rund 350.000 Euro. 
Das Gericht wertete Renks umfassendes Geständnis und seine Zusicherung, alle fällig gewordenen Steuern umgehend nach zu zahlen, strafmildernd. Die ersten Steuerforderungen des Hauptzollamts hatte er bereits beglichen und die Nachweise dem Gericht vorgelegt. Der Richter sprach bei der Urteilsverkündung von einer hauchdünnen Entscheidung und machte ihm klar, dass er bei der kleinsten Verfehlung die vollständige Haftstrafe antreten müsse. Um weitere unangenehme Nachforschungen der Zollbehörde zu verhindern, bezahlte er alle Straf- und Steuerbescheide, was sein Bankguthaben auf den Bahamas deutlich schmelzen ließ. Trotz allem war er noch glimpflich davon gekommen. 

*

Eberhard Hohenstein wurde wegen Hehlerei in Tatmehrheit mit vollendeter, gemeinschaftlich begangener Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von lediglich neun Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Auch ihm half sein Geständnis. Für eine Verurteilung wegen Raubs reichte, aus den gleichen Gründen wie bei Fritz Renk, die Beweislage nicht aus.  
Das Gericht erkannte, dass Fritz Renk die treibende Kraft war, die ihn anstiftete. Da er aber das Smaragd-Set gemeinsam mit ihm nach Deutschland gebracht hatte, haftet er auch für die bei der Einfuhr fällig Zollabgaben. Leider war er mittlerweile völlig blank, weil er die von Renk erhaltenen satten Provisionen bei der Fargo Bank in San Francisco eingezahlt hatte. Sharon hatte wegen seelischer Grausamkeit die Scheidung eingereicht und zur Sicherung der Unterhaltszahlungen sein Konto sperren lassen. Hohenstein konnte sich nicht einmal dagegen wehren, weil er nicht mehr genug Geld für einen Rechtsanwalt hatte und obendrein nicht in die Staaten einreisen durfte. Er hatte alles verloren, seine Frau, sein Dach über dem Kopf und sein ganzes Geld. Was ihn nun nicht mehr kümmerte, war die Klage auf Schadensersatz, die noch beim Zivilgericht in San Francisco gegen ihn anhängig war. Er war komplett pleite und musste staatliche Unterstützungsleistungen beantragen.

Kapitel 40

Wer kennt Angela Borsody?

Eines blieb mysteriös. Wer war Angela Borsody? In der Schweiz war sie in keinem amtlichen Register zu finden, nicht einmal bei der scheinbar allwissenden Fremdenpolizei. Sie hatte ein Handy, buchte Flüge und Hotels. Das hinterließ viele Spuren, die alle ins nichts führten. So als hätte sie nie in der Schweiz gelebt. Auch die Kollegen von Interpol Wien wussten nichts über sie zu berichten. So als hätte es sie gar nicht gegeben.

*

Fritz Renk schnaufte tief durch, als er nach der Verhandlung das Gerichtsgebäude an der Maximilianstraße in Landshut verließ. Er stieg in das nächste Taxi und ließ sich zum Hotel Hilton am Flughafen München fahren. Dort angekommen, ging er in die Bar und orderte einen doppelten Whiskey. Er trank den ersten Schluck und schloss die Augen. Dabei dachte er an sein immer noch relativ gut gefülltes Konto auf den Bahamas, von dem niemand wusste. Nachdem er ausgetrunken hatte, ging er zur Rezeption und buchte ein Zimmer. Er wollte ein ganz bestimmtes haben, nämlich das neben einer gewissen Gerda Rüttli.

Augustinerbräu Landsbergerstraße München

Kapitel 41

Die Moral von der Geschicht

Am Abend nach der Gerichtsverhandlung saßen Hans König und Benno Plank beim Bier im Augustiner-Bräu an der Landsberger Straße in München. „Eigentlich ist der Fall ganz gut gelaufen“, sagte König. „Fragt sich nur für wen“, entgegnete Plank." Und fuhr fort: „für Hohenstein sicher nicht, der ist komplett pleite und seine Frau ist er auch los. Und dieser Footballmanager in den Staaten hat sich die Kugel gegeben, gestorben wegen ein paar glitzernder Klunker, wirklich bitter.“ „Zumindest der Meyer ist mit einem blauen Auge davon gekommen“, warf König ein. „Seine Steuerschulden hat Renk bezahlt. Und der Strafbefehl über 10.000 Euro wird ihn zwar treffen aber wenigstens nicht umbringen. Ich weiß nicht was sein größeres Problem ist, die Geldstrafe oder seine ständig aufplatzenden Eiterpickel.“ Die beiden Ermittler lachten und nahmen einen großen Schluck aus ihren Maßkrügen. Nachdem sie eine Weile schweigend neben einander gesessen waren, meinte König: „Der Schmuckhändler aus Zürich hat auch noch mal Glück gehabt, dass er sein Set wieder bekommen hat, der kann sich bei uns und der Kantonspolizei bedanken.“ „Ja. Und auch bei Renk“, schmunzelte Plank. „Wenn der die Steuern für die teuren Teile nicht bezahlt hätte, müssten sie es jetzt bei uns auslösen. Da frag ich mich aber schon, woher der Renk so schnell die ganze Kohle her hatte.“ „Der hat ja bei den Auktionen gut kassiert, antwortete König. „So clever wie der ist, gibt es da bestimmt ein Nummernkonto irgendwo in der Karibik, auf das nur er Zugriff hat. Der hat das größte Massel gehabt. Ein paar Hunderttausend Euro gut gemacht und dafür nicht mal sechs Wochen in Untersuchungshaft gesessen. An wen der die Rolex-Uhren wirklich verkauft hat, würde mich brennend interessieren. Dass er sie auf Uhrenmessen einzeln verscherbelt hat und die Namen seiner Kunden nicht kennt, nehme ich ihm nicht ab.“ Der Ober servierte ihnen Schweinebraten mit Knödel und nahm die Bestellung für die nächste Runde Bier auf. „Am Schlimmsten erwischt hat es neben dem Amerikaner diesen Burger. Komplettes Vermögen weg, Frau und Familie weg, Freiheit weg“, zählte König auf. Plank warf ein „nicht zu vergessen seine Geliebte, diese ominöse Angela Borsody. Die hatte nur Spaß und war als Erste spurlos verschwunden, als es ernst wurde“. „Von der werden wir sicher noch hören“, murmelte Hans König prophetisch.

Epilog

Das Geheimnis der Hure

Sechs Monate später gingen zeitgleich bei der Kantonspolizei Zürich und im Polizeipräsidium München Rechtshilfeersuchen der Mordkommission Lissabon ein. Die kriminaltechnische Untersuchung der bei Marc Burger sichergestellten Pistole der Marke Glock habe ergeben, dass sie die Tatwaffe bei der Ermordung eines 49-jährigen albanischen Zuhälters in Basel gewesen ist. An der automatischen Schusswaffe konnten eindeutig die Fingerspuren von Marc Burger und Eberhard Hohenstein gesichert werden. Da beide somit als Verdächtige in einem Mordfall seien, baten die portugiesischen Polizisten um weitere Ermittlungen. 

Zur gleichen Zeit, als der 49-jährige, als gewalttätig bekannte, albanische Zuhälter Zlatko B. in seiner Badewanne in Basel erschossen wurde saß Marc Burger im Flugzeug nach Bangkok. Er genoss gerade einen Cognac und sehnte sich nach Angela die noch in Basel geblieben war.  

Ende

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