Keine Stille Nacht

 Die letzte Schicht vor Weihnachten  

23. Dezember, 13:30 Uhr, Flughafen München: Leichter Schneefall setzte ein, als Hubert Dressel gerade seinen blauen Audi A4 durch die Schranke beim Parkhaus an der Halle F fuhr. Während er dort einen freien Platz suchte fluchte er innerlich. Eigentlich hätte er heute frei gehabt und wäre morgen, am 24. Dezember, entspannt in seinen Weihnachtsurlaub geglitten. Aber es kam völlig anders als geplant.

Münchner Zollkrimi Weihnachtsgeschichte ron mg

Er hatte sich schon so auf den heutigen Abend mit seiner Frau Karin gefreut. Sie wollten auf dem Schwabinger Christkindlmarkt Geschenke einkaufen und sich einen oder zwei Gläser Glühwein gönnen. Die knackige Kälte dort hätte den Genuss des süßen, alkoholischen Heißgetränks noch gesteigert und sie in Stimmung gebracht für….Er wischte den Gedanken beiseite. Der Dienstplaner hatte ihm kurzfristig eine Spätschicht aufgedrückt, weil der ursprünglich vorgesehene Schichtleiter krankheitsbeding ausgefallen ist. „Wieder mal“, dachte Dressel grimmig, als er sein Auto in den Stellplatz lenkte. Der 38-jährige Zollamtsinspektor Dressel, ein waschechter Münchner, war kinderlos und hatte nur deshalb über Weihnachten Urlaub genehmigt bekommen, weil er in den letzten zehn Jahren immer zugunsten der Familienväter und -Mütter freiwillig darauf verzichtet hatte. Dieses Mal war er dran und wild entschlossen, das beste Weihnachtsfest aller Zeiten zu feiern. 

Karin seine 35-jährige Ehefrau war zwar auch enttäuscht über den ausgefallenen Weihnachtsmarktbummel, hatte ihm aber vielversprechend angedeutet, dass nach der Spätschicht ja noch eine aufregende Nacht kommen könne.

Weihnachtsbaum Flughafen München, Ron MG Schmugglergeschichten
Modul C Ankunft Flughafen München
Weihnachtsdekoration Zentralbereich München Flughafen
Eingang Zoll Modul C Flughafen München

Nach einem kurzen Fußmarsch durch das Terminals 1 betrat er gegen 14:00 Uhr seine Dienststelle in der Ankunftshalle des Moduls C, kurz: Ankunft C.  

Die Kontrollteamführerin der Frühschicht, die 50-jährige Anne Fels, übergab ihm die Amtsgeschäfte. Sie würde ihn gegen 22:00 Uhr, pünktlich zur Nachtschicht wieder ablösen. „Der Herr, der da drüben sitzt, überlegt noch, ob er die Zollgebühren für seine 600 Stück Schmuggelzigaretten bezahlen will oder nicht“, machte Anne ihren Nachfolger auf einen 24- jährigen türkischstämmigen Österreicher aufmerksam, der auf der Sitzbank vor dem Abfertigungstresen Platz genommen hatte. 

„Der kam eben aus Istanbul und hat dreißig Päckchen Zigaretten in die Hosen- und Jackentaschen seiner Kleidungstücke im Koffer gesteckt und beharrt darauf, dass man nur ganze Stangen Zigaretten verzollen müsste und keine einzelnen Päckchen. Der Abgabenbescheid ist fertig, Ihr müsst eigentlich nur noch kassieren, aber der Herr ist immer noch wütend. Könnte also noch dauern.“ Anne nahm einen Schluck von ihrem Feierabendkaffee und fuhr fort. „Um 20:00 Uhr kommt Juwelier Dukke aus Dubai an und will ein paar Uhren verzollen, sind alles hochpreisige Edelteile von Rolex. Die Internetzollanmeldung ist schon im ATLAS-System hinterlegt. Ihr müsst nur noch die Sachen anschauen, die Zollabgaben berechnen und den Bescheid rauslassen. Ach ja, und um 15:30 Uhr soll mit der Amsterdam-Maschine ein Heroinkurier kommen. Das behauptet jemand, der anonym bei der Zollfahndung angerufen hat. Unwesentliche Details, wie Namen oder Personenbeschreibung, hatte er leider nicht parat.“, merkte Anne sarkastisch an. 

„Ach so, ein Heroinkurier kommt aus Amsterdam, mehr weiß der nicht? Das können wir doch gleich in die Tonne treten“, empörte sich Dressel. „Hans König und Benno Plank von der Zollfahndung kommen deswegen vorbei, vielleicht wissen die mehr“, sagte Anne und entschwand mit einem freundlichen „Ruhige Schicht, bis heute Abend“, in den freien Nachmittag. 

Hintergrund

 

Ob teure Elektronik, Schmuck, Designer-Handtaschen oder trendige Bekleidung, das meiste kostet weit mehr als 430 Euro. Alles was über diesem Freibetrag von 430 Euro liegt, ist zollpflichtig und muss selbstständig dem Zoll bei der Einreise angemeldet werden. Man darf also nicht zuwarten, bis einen der Zöllner anhält und kontrolliert. An jedem Gepäckband und beim Ausgang informieren deshalb Hinweisschilder in verschiedenen Sprachen über diese Anmeldepflicht.
Dazu müssen die Reisenden selbstständig durch den roten Ausgang für anmeldepflichtige Waren gehen und den Zöllner sagen, was sie alles mitgebracht haben. 

Machen aber die wenigsten. Die Meisten folgen dem Herdentrieb und gehen da, wo alle gehen, nämlich durch den grünen Ausgang für anmeldefreie Waren. Damit zeigen sie, rechtlich gesehen, den dort postierten Zollbediensteten an, dass sie nichts zu verzollen und nichts Verbotenes dabei haben. Realistisch gesehen wollen sie aber nur so schnell wie möglich nach Hause. Vor allem zu Weihnachten. Zollkontrollen sind da nicht nur lästig, sie können auch zu ganz erheblichen Verzögerungen führen, vor allem, wenn man seine Anschlussverbindung mit Bus oder Bahn deswegen verpasst.

Wer das Pech hat, zur Kontrolle in die Abfertigungshalle mit den Kontrolltischen gebeten zu werden und dann noch Waren über dem Limit von 430 Euro mitführt, verliert nicht nur viel Zeit, sondern auch noch viel Geld.  Für eine ordnungsgemäße Anmeldung ist es dann nämlich zu spät, man gilt als Schmuggler. Die unangenehme Folge: doppelte Zollgebühren oder gleich eine Strafanzeige wegen Steuerhinterziehung. Je nach Schwere des Delikts.   
Dass Prozedere mit der rechtlich bindenden Auswahl zwischen dem roten und dem grünen Kanal ist seit ewigen Zeiten Standard an allen internationalen Flughäfen weltweit. Es bringt also wenig, zu behaupten man habe sich lediglich im Ausgang geirrt oder das System nicht kapiert. Die oft gebrauchte Ausrede, „Das hat mir keiner gesagt“, hilft hier genau so wenig, als würde man dem amerikanischen Immigrations-Officer bei der Ankunft im Chicagoer Flughafen erzählen, man habe nicht gewusst, dass für die Einreise in die USA ein Visum oder eine ESTA-Registrierung zwingend notwendig sei.

Dressel nahm Platz am ersten Schreibtisch, der dem Kontrollteamführer vorbehalten war und loggte sich in den Rechner ein. Während er den Schichtbericht öffnete, sinnierte er über die Unsitte, alten Wein in neuen Schläuchen zu präsentieren. Der Schichtleiter hieß neuerdings „Kontrollteamführer“. Wobei ihm der alte Begriff „Leiter“ um einiges lieber war als der „Führer“, gerade in diesen politisch aufgeheizten Zeiten. Er hatte heute zehn Kontrollbeamte und einen Kassier in seiner Spätschicht. „Könnte stressig werden“ dachte er sich, weil gerade um die Weihnachtszeit herum der Schmuggel am Flughafen München floriert. Wie realistisch seine Vermutung war, würde sich im Laufe der nächsten Stunden zeigen.

Hintergrund

Es wird aber nicht nur geschmuggelt um sich das Geld zu sparen, welches der Staat in großen Mengen für die Finanzierung seiner vielen Aufgaben dringend benötigt, sondern auch, um verbotene Dinge unter dem Gabentisch zu legen. 

Da über die Feiertage nicht nur gut gegessen und getrunken wird, decken sich beispielsweise auch Drogenhändler, wegen der zu erwartenden erhöhten Nachfrage, mit entsprechenden Vorräten ein. Das könnte zumindest eine Erklärung dafür sein, warum um Weihnachten besonders viel Rauschgift am Flughafen sichergestellt wird.

Deshalb gibt es die zivilen Überwachungsgruppe des Zolls, die alle Bereiche des Flughafens, von der Passagierabfertigung über die Luftfracht bis hin zur Luftpost im Blick hat. Diese Truppe verfügt über ausgefeilte Röntgentechnik und eine Hundestaffel. 

Und dann gibt’s am Flughafen München noch die Kriminalpolizei des Zolls, genannt Zollfahndung. Bei Großaufgriffen der Überwachungsgruppe übernimmt sie die kompletten Ermittlungen um die Hintermänner dingfest zu machen. Egal ob sie in Düsseldorf oder Dubai sitzen. Auch wenn Zöllner in München oft bayrisch sprechen, sind sie trotzdem keine Landesbediensteten des Freistaats Bayern, sondern Bundesbeamte. 

Schmuggelzigaretten Flughafenzoll München

Gerade als Dressel zum Telefonhörer griff, um bei der Zollfahndung wegen des anonymen Hinweises über den Drogenschmuggel aus Amsterdam nachzufragen, baute sich der von der Frühschicht übrig gebliebene 24-jährige Türkeireisende vor ihm am Tresen auf und ließ seinen Unmut über die, seiner Meinung nach, willkürliche Kontrolle, freien Lauf. „Ihre Kollegin vorher hat ganz gezielt mich raus gewunken, obwohl neben mir viele Deutsche mit noch viel mehr Zigaretten als ich dabei hatte durchgelaufen sind. Das ist Racial Profiling, dass dürfen Sie gar nicht.“ Dressel erhob sich langsam und schaute sein Gegenüber direkt an. „Woher wollen Sie denn wissen, dass jemand mehr Zigaretten als Sie mitgebracht hat?“ „Das habe ich im Duty-Free-Shop in Istanbul gesehen. Die haben mindestens zehn Stangen gekauft und waren alles Deutsche.“ „Und wieso haben Sie meinen Kollegen nicht gezeigt, wer das war?“, erwiderte Dressel. „Ich mach doch nicht Ihren Job, kontrollieren Sie doch selbst die Leute, die was dabeihaben und nicht nur Türken.“ Dressel schnaufte tief durch und blätterte im österreichischen Pass des erregten Passagiers. „Erstens haben Sie was dabeigehabt, nämlich drei Stangen Zigaretten zu viel und Zweitens steht hier, dass Sie österreichischer Staatsbürger sind Herr Özel. Ich schlage vor, Sie zahlen endlich und gehen nach Hause. “Murat Özel schüttelte verständnislos den Kopf, setzte sich wieder hin und tippte wild auf seinem Smartphone herum. 

*

Zollhauptsekretärin Maria Gruber aus Moosburg stand am grünen Ausgang und beobachtete die Passagiere aus Pristina, die langsam den Bereich um das Gepäckband füllten. Dabei fuhr sie mit der rechten Hand über das an ihrem Einsatzgürtel neben der Pistole und den Handschellen hängende Multi-Tool. Sie würde es gleich brauchen. Viele Koffer auf diesem Flug waren dick mit Plastikfolie umwickelt. Damit wollten die Reisenden Diebstähle durch Flughafenpersonal verhindern. Auf den ersten Blick war schon erkennbar, ob die Folie intakt und somit alles in Ordnung war oder eben nicht. Wollte man so ein Gepäckstück öffnen, musste man es erst mühsam aufschneiden. Neben Maria baute sich Markus Ritter, ein 1.90 Meter großer, gut trainierter Kollege am grünen Ausgang auf. Maria war bereits über 50 und Markus hätte mit seinen 25 Jahren der Sohn sein können, den sie sich immer gewünscht hatte. Sie hatte mit 24 ihre Tochter Klara zur Welt gebracht. Heinz, ihr Mann und sie wollten noch mindestens ein zweites Kind. Das klappte aber nicht mehr, weil Heinz kurz nach Klaras Geburt einen Schlaganfall erlitt und zum Pflegefall wurde. Als Heinz vor fünf Jahren an einem Herzinfarkt starb war sie schwer erschüttert. Sein plötzlicher Tod hätte sie wohl aus der Bahn geworfen, wenn nicht ihre Tochter und deren Familie sie aufgefangen hätten. Und da war ja auch noch ihr Beruf. Weil Sie Schichtdienst machte, fielen die langen, einsamen Nächte oft einfach aus. Ihre Kollegen unterstützten sie, wo sie nur konnten und speziell die Älteren mochten sie, nicht nur wegen ihrer mütterlichen Art. Wussten sie doch immer, wen sie fragen mussten, wenn sie keine Lust auf Nachtdienst hatten. Nach jahrzehntelanger Schichtarbeit tat die Nachtarbeit den alten Knochen einfach weh und die Regenerationszeiten erhöhten sich in immer kürzer werdenden Abständen. Nur Maria schien das nichts auszumachen. Speziell an Heiligabend wollte sie ihrer Tochter nicht zur Last fallen und so würde sie da wieder Dienst schieben. Wie all die Jahre zuvor. Irgendwie freute sie sich sogar darauf. Denn diese Schicht war immer magisch. Wenn gegen Mitternacht alle Flieger gelandet, alle Passagiere aus der Halle waren, dass Flughafenpersonal und die Airline-Mitarbeiter nach Hause gingen, dann, ja dann war Zöllner-Weihnacht. Viele Kollegen und Kolleginnen der Spätschicht, auf die zu Hause niemand wartete, blieben da und kochten im Sozialraum für die Nachtschicht groß auf. Mitten in der Heiligen Nacht gab es Gulasch, Knödel und selbstgebackene Plätzchen für alle. Der Duft von Glühwein wehte dann durch die Amtsräume. Ob der immer alkoholfrei war, blieb eines der Geheimnisse dieser Nacht. 

Nachdem die Passagiere aus Pristina die Passkontrolle durchlaufen hatten, standen sie nun am nur wenige Meter vom Ausgang entfernten Gepäckband. Koffer vom Band nehmen, den kurzen Weg durch die grüne Schleuse gehen, vorbei an den dort stehenden Zöllnern und fertig. Die automatische Glastür zum Abholerbereich öffnet sich und schon hat man die oft langwierige Einreiseprozedur überstanden. 

Es könnte so einfach sein, wenn man nur wüsste, nach welchen Kriterien der Zoll Passagiere herauspickt. Es ist vielleicht so ähnlich wie in der freien Wildbahn: die Fische im Meer, die sich vor Räubern schützen indem sie große Schwärme bilden, wissen auch nicht, wann die kreisenden Haie angreifen und welche unter den vielen Fischen sie fressen.

Weiter vorne in der Halle bei der Passkontrolle kehrte langsam Ruhe ein. Die letzten Reisenden aus Pristina schlenderten gemächlich auf die wenigen noch geöffneten Boxen zu. Einige Bundespolizisten standen schon vor ihren Glashäuschen und wollten gerade abrücken, als ein junger Mann mit südländischem Aussehen im Vollsprint an der Box vorbei auf eine 22-jährige Polizeiobermeisterin zulief. Er schubste die völlig überraschte Beamtin zu Boden und überrannte die Kontrolllinie. Binnen weniger Sekunden legte er die kurze Entfernung zwischen der Passkontrolle und dem grünen Zollausgang zurück. Maria, Markus und zwei weitere Kollegen sahen, wie der Mann in einem Affenzahn förmlich auf sie zuflog, zwei Bundespolizisten laut „Stehen bleiben!“ rufend ihm hinterher. Die vier Zöllner stellten sich in einer Reihe Mitten in den Ausgang und blockierten ihn so. Markus ging in Kampfstellung und brüllte dem Anstürmenden „Stopp, Customs“ entgegen. Der junge Mann erkannte, dass er an dem massigen Markus nicht vorbeikommen würde, stoppte kurz, um ihm auszuweichen und strauchelte. Das nutzte Maria aus, indem sie ihm beherzt gegen das Schienbein trat. Schreiend fiel der Mann zu Boden. Binnen Sekunden waren die zwei nacheilenden Bundespolizisten über ihm und fixierten ihn an Armen und Beinen. Dann klickten auch schon die Handschellen. Als die Zollbeamten erkannten, dass die Situation unter Kontrolle war, schirmten sie die Bundespolizisten vor den Handykameras ab, die viele Passagiere hochhielten. Die beiden Bundespolizisten Brenner und Lutz halfen dem Gefesselten hoch und bugsierten ihn blitzschnell in die direkt neben dem grünen Ausgang befindliche Zollkontrollstelle. Dort setzten sie ihn kurzerhand auf die Wartebank, wo immer noch Murat Özel saß. 
„Servus Kollege“, begrüßte Polizeioberkommisar Lutz Dressel. „Können wir bei Euch bleiben, bis die Halle leerer ist, wäre schlecht, wenn wir den hier an den ganzen Passagieren vorbei zu uns auf die Wache schleifen müssten, vor allem nach der Show, die er grade geliefert hat.“ „Klar“ antwortete Dressel, und führte sie zusammen mit dem Gefesselten in ein separates Büro im hinteren Bereich der Kontrollhalle. 

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Alive Haji (26) war vor sechs Jahren aus dem Kosovo nach München gekommen. In ihrer Heimat war das Leben armselig und hart gewesen, in Deutschland ging es ihr besser. Sie arbeitete in einem großen Hotel beim Arabella-Park als Zimmermädchen und unterstützte von dem wenigen Geld, das sie da verdiente, ihre Eltern in Prizren. Weil sie über Weihnachten nicht frei bekam, hatte sie ihre Familie im Kosovo vor den Feiertagen besucht. Jetzt stand sie am Gepäckband und nahm ihre drei schweren Koffer herunter. Sie wusste nicht so genau, was drin ist. Gepackt hatte nämlich ihre Mutter. Dass Weihnachtsgeschenke und köstliche Lebensmittel, die sie an zu Hause erinnern sollten, dabei sein würden, war klar. Schließlich sollte sie, so ihre Mutter, wenn sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause in ihr kleines Appartement in der Messestadt Riem kam, wenigstens genug zu essen haben. Alive und ihre Familie gehörten der albanisch sprechenden, römisch-katholischen Minderheit im Kosovo an, für die das Weihnachtsfest einen außergewöhnlich hohen Stellenwert hat. Plötzlich beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Freunde hatten ihr gesagt, dass man Wurst, Fleisch und Käse nicht mit nach Deutschland bringen darf und hier hingen überall Infotafeln, auf denen das auch stand. 

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Robert Keller, ein 34-jähriger Zollhauptsekretär aus dem nahegelegenen Freising, war einer der wenigen Glücklichen, die einen kurzen Anfahrtsweg zur Dienststelle hatten. Heute freute er sich besonders, weil seine Freundin Gaby in seiner Schicht war. Eigentlich achteten sie peinlich darauf, nicht zusammen Dienst zu machen, aber einen Tag vor Weihnachten suchte der Dienstplaner händeringend noch jemand für diese Schicht und die Wahl fiel auf Gaby. Robert stand am grünen Kanal, den alle Passagiere passieren mussten, um in den öffentlichen Bereich zu gelangen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Durchgangs musterten Maria und Markus den Strom der Fluggäste, die nach draußen strebten Maria unterhielt sich mit Markus über die Aufregung von vorhin. „Gut, dass Du dazwischen gegrätscht bist“ bedankte sich Markus „Wenn der mich gerammt hätte, bei dem Tempo, das der draufhatte“, er stockte, „Bin ja gespannt, warum der da durchgebrochen ist, na wir werden ja sehen.“ 
Gaby machte sich währenddessen in der Kontrollhalle am Zahlenschloss einer merkwürdigen Reisetasche, die an einen typisch amerikanischen Briefkasten erinnerte, zu schaffen. Hatte sich da nicht gerade was in der Tasche bewegt? Robert hörte gerade Maria und Markus zu, als Gaby laut rief, „Kann mal schnell jemand herkommen?!“ Im gleichen Moment wollte Alive Haji ihren Gepäckwagen mit ihren drei großen Koffern durch den grünen Kanal schieben. Durch den Hilferuf seiner Freundin alarmiert überquerte Robert unvermittelt den Durchgang, um in die Kontrollhalle zu gelangen. Dabei lief er Alive direkt vor den Gepäckwagen. Sie bremste abrupt ab, worauf einer der Koffer vom Wagen fiel und direkt vor Roberts Füßen landete. „Der ist aber schwer“, meinte Robert, als er ihr den Koffer wieder auf den Wagen stellte. „Fahren Sie doch bitte gleich mal da rüber zur Kontrolle“, wies er Alive an, ihm zu folgen. 

Dressel brachte den beiden Bundespolizisten und ihrem Gefangenen drei Becher Kaffee. „Er ist ein Transitabspringer“ erklärte Lutz „also wahrscheinlich ein syrischer Flüchtling, der ein Ticket von Pristina über München nach London gekauft hat, aber gar nicht vor gehabt hat nach England zu fliegen. Der will jetzt bei uns Asyl.“ „Hat er denn Gepäck“, fragte Dressel. „Nein, keinen Pass, kein Gepäck, nur ein Smartphone und 800 US-Dollar in bar. Wir checken seine Fingerabdrücke, schreiben einen Bericht und schicken ihn zur Erstaufnahmestelle in die Stadt. Vorher kriegt er aber noch eine Anzeige wegen Körperverletzung, weil er auf dem Flieger die Flugbegleiterin an die Cockpit-Tür geknallt hat. Sie hat ihm beim Aussteigen gesagt, dass sie noch nicht in London wären und er sich wieder hinsetzten soll.“ „Traut man ihm gar nicht zu, er sieht irgendwie sanftmütig aus“, entgegnete Dressel mit Blick auf den schmächtigen Syrer, der zusammengekauert auf seinem Stuhl saß und ihn aus großen, braunen Augen traurig ansah. „Warum will er denn nicht nach Großbritannien?“, wollte Dressel wissen. „Bei uns kriegt er als Syrer ziemlich sicher einen Flüchtlingsstatus und auch mehr Geld als in England“, schaltete sich Polizeihauptmeister Brenner in das Gespräch ein. „Wir nehmen ihn jetzt mit auf die Wache, braucht Ihr noch was von ihm?“, fragte Lutz. Dressel befragte den Flüchtling auf Englisch, ob er Bargeld oder Drogen dabeihat. Entweder das „No, I have nothing“, kam zu zögerlich oder sein Blick wich ihm zu schnell aus, irgendetwas machte Dressel misstrauisch. „Da stimmt was nicht, den schau ich mir genauer an“ dachte er sich.  

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Gaby Maier sah jetzt ganz deutlich, dass sich die rote Reisetasche bewegte. „Was ist da drin?“, wollte sie von der Besitzerin der Tasche, der 40-jährigen Kosovo-Albanerin Alina Berisha wissen. „Keine Ahnung, die Tasche gehört mir gar nicht“. „Ah so, und den Code von dem Zahlenschloss wissen Sie natürlich auch nicht.“ „Nein woher auch, ist ja, wie gesagt, nicht meine Tasche, meine ist ganz ähnlich, muss ich wohl verwechselt haben“, log Alina. Gaby hielt sich nicht mehr länger mit dem Schloss auf, sondern zwickte es kurzerhand mit der Zange ihres Multi-Tools auf. Sie zögerte aber die Tasche zu öffnen. Robert lotste Alive zum nächsten freien Kontrolltisch, „Kollege kommt gleich.“ Dann eilte er Gaby zu Hilfe. „Ist da ein bissiges oder giftiges Tier drin?“, sprach er Alina direkt an. „Weiß ich doch nicht, mir gehört das hier nicht“, beharrte Alina, „schauen Sie doch selber nach“. „Gut, dann schieben wir die Tasche eben durch das Röntgengerät, ist zwar sehr ungesund für Lebewesen aller Art, aber besser, als wenn wir gebissen oder gestochen werden.“ „Warten Sie!“, rief Alina deren Augen sich blitzartig mit Tränen füllten. „Es ist nur ein kleiner Hund, der tut nichts.“ 

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Dressel wies den Asylbewerber an, sämtliche Jacken- und Hosentaschen auszuleeren. Neben den von den 800 US-Dollar kamen nur ein Päckchen Zigaretten mit arabischer Beschriftung, eine islamische Gebetskette und ein Zettel mit fremden Schriftzeichen zum Vorschein. „Die Zigaretten sind aber nicht aus Syrien, sondern aus Afghanistan“, murmelte Dressel halblaut vor sich hin, als er das Päckchen begutachtete. „Das ist ja interessant“, horchte Lutz auf, während Dressel den angeblichen Syrer abtastete. „Da ist was festgemacht, innen am Oberschenkel.“ Zeitgleich mit einem kurzen Klopfen flog die Tür auf und Bruno Fix, der stellvertretende Schichtleiter, trat ein. Mit seinen 198 cm Größe und 130 Kilo Gewicht füllte der Zollamtsinspektor aus Erfurt den engen Raum fast vollständig aus. „Hubert, die Kollegen König und Plank von der Fahndung sind grad gekommen wegen der Amsterdam-Sache. Und noch was: die Gaby hat einen Hundewelpen aus dem Gepäck einer jungen Dame aus Pristina geholt. Hab` grad den Grenzveterinär angerufen, der ist in `ner knappen Stunde da. Nur damit Du Bescheid weißt.“ „Danke Bruno, schau mal gleich, wer von den Kollegen frei ist für diesen anonymen Hinweis mit dem Heroin. Die Mühle kommt in der nächsten halben Stunde rein“, sprach Dressel und wandte sich wieder dem Syrer, Afghanen oder was auch immer, zu. „Bevor ich es vergesse“, drehte sich Bruno in der offenen Tür noch mal um „Herr Özel jammert mir schon eine geschlagene Stunde die Ohren voll wegen der Gage für die drei Stangen Zigaretten, er will wissen, ob wir ihm nicht wenigstens die Strafe erlassen könnten. Den Zoll würde er sofort bar zahlen, so viel Geld hätte er dabei.“ 

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Peter Kuhn ging zu dem Kontrolltisch, an dem Robert Alive Haji platziert hatte. „Grüß Gott, Zollkontrolle, machen Sie bitte den Koffer auf", waren seine ersten Worte, die er an sie richtete. 

Alive wollte das nicht und beteuerte, dass ihre Mutter den Koffer bis zum Anschlag vollgepackt habe und er sich, wenn er erst Mal offen sei, niemals wieder verschließen lassen würde. „Okay, dann durchleuchten wir das Ding mal“, entgegnete Kuhn, hob den Koffer auf das Röntgengerät und startete den Scan. Das Ergebnis war eindeutig: in der Koffermitte erkannte er mehrere Kilogramm tierischer Lebensmittel. Für den erfahrenen Beamten war es ein Leichtes, dass Röntgenbild zu „lesen“. „Da ist Wurst, Fleisch, Käse. Was genau und wie viel ist es?“ kam er gleich zur Sache. „Sie wissen ja, dass die Einfuhr von solchen Lebensmitteln aus tierseuchenrechtlichen Gründen verboten ist.“ Dabei zeigte er auf die entsprechende Informationstafel hinter ihm. Alive seufzte tief und bat, ob sie denn wenigstens den Gänsebraten für Weihnachten mitnehmen dürfe. „Geht leider nicht, wenn es um die potenzielle Einschleppung von Krankheiten, wie Schweinepest oder Vogelgrippe geht, gibt’s keine Freimenge. Ich muss Ihnen alles wegnehmen und die Kosten für die thermische Entsorgung in Rechnung stellen.“ Das hatte Alive befürchtet. Auch ihr Einwand, dass die Sachen doch nur von ihr selbst gegessen und niemanden schädigen würden, half nichts. Erst recht nicht bei dem drahtigen 27-jährigen Peter Kuhn, der mit seiner runden Nickelbrille, seinen akkurat kurz geschnittenen dunklen Haaren und seinem sehr förmlichen Auftreten dem Beamtentypus voll entsprach. Also öffnete sie schweren Herzens den Koffer und nahm die nach Knoblauch duftenden Schweinswürste und den Ziegenkäse, den es so nur in ihrer Heimat gab, heraus. Kuhn wog die Sachen ab und wollte sich gerade die beiden anderen Koffer von Alive anschauen, als Bruno Fix ihn ansprach. „Peter, mach das hier schnell fertig, wir müssen die Amsterdam-Mühle checken, da brauch` ich Dich gleich.“ 

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Dressel überreichte Lutz den afghanischen Pass, ausgestellt auf einen Muhammad Zelvi, den er am linken Oberschenkel des vermeintlichen Syrers, mit Klebeband befestigt, fand. Wir schreiben eine Anzeige wegen unerlaubter Einreise, prüfen, ob der afghanische Pass überhaupt echt ist und wer Muhammad Zelvi ist“, erklärte der Kommissar den weiteren Ablauf, „sein bisheriges Verhalten wird seine Chancen in Deutschland bleiben zu dürfen, nicht gerade erhöhen. Wir nehmen ihn jetzt mit zur Wache“. Die Bundespolizisten bedankten sich bei Dressel für die Hilfe und verließen mit ihrem Festgenommenen den Zollbereich. Dressel ging wieder zurück an seinen Schreibtisch. Sein Vertreter Bruno Fix stand daneben am Tresen und diskutierte immer noch mit Murat Özel. „Der Zoll ist ja viel höher als die Zigaretten überhaupt gekostet haben und dann auch noch doppelt zahlen. Das kann doch nicht richtig sein. Außerdem hab` ich gar nicht so viel Geld dabei“, jammerte Özel, der beharrlich versuchte, sich um die Zahlung der Zollgebühren zu drücken.
„Geht´s ein bisschen leiser?“, stieß der leicht genervte Peter Kuhn hervor, während er den Papierkram für die Beschlagnahme der fünf Kilogramm Wurst und Käse von Alive Haji erledigte. Jetzt wurde es Dressel zu bunt, „Herr Özel, Sie setzen sich jetzt wieder hin, ich bin gleich bei Ihnen, dann regeln wir die Sache ein für alle Mal“, fuhr er ihn an. Özel trottete etwas bedröppelt zurück auf seinen Platz. 
„Bruno, wer macht die Amsterdam-Mühle und wo sind die Fahnder?“ „Maria, Markus, Peter und die beiden Neuen kümmern sich um den Hinweis. Die führen Befragungen im Kanal durch und machen verstärkte Pass- und Gepäckkontrollen. Mit den Fahndern habe ich alles abgesprochen, die observieren oben am Gate in zivil. Der König Hans hat gesagt, er ruft Dich an.“ Gerade als Dressel sich nach dem Stand von Gabys Fall mit dem kleinen Hund erkundigen wollte, klingelte es an der Außentüre zur Kontrollstelle. Dr. Schaller, der Grenzveterinär, traf ein. Der 55-jährige, grauhaarige Tierarzt hatte in seiner über 30-jährigen Karriere vom betrunkenen Papagei aus dem Amazonasgebiet bis zum Sambesi-Krokodil mit Zahnschmerzen schon so ziemlich alles gesehen. Schnurstraks ging er am Abfertigungstresen vorbei direkt zu dem Kontrolltisch, an dem Gaby, Robert und die herzzerreißend schluchzende Alina Berisha mit dem schwarzen Labradorwelpen auf dem Arm standen. „Sie dürfen mir den Kleinen nicht wegnehmen, ich geh mit ihm zum Tierarzt und lasse alle Impfungen machen, ich schwör.“ „Der Welpe ist noch zu jung für Impfungen, der kommt in Quarantäne.“ Mit einem Satz zerstörte der Tierarzt Alinas Träume von romantischen Weihnachten mit ihrem Freund und einem kleinen, süßen Hundebaby. Zumindest der Freund blieb ihr noch. Aber es kam noch schlimmer für sie.

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Peter Kuhn sah zwar aus wie ein preußischer Offizier und benahm sich auch oft so, war aber tatsächlich einer der immer weniger werdenden echten Münchner. Er stand am Abfertigungstresen und erklärte Alive, dass sie trotz der Wegnahme ihrer „Wurst- und Käsebrotzeit“ und der Zahlung von 20 Euro Gebühr für die Entsorgung noch Glück gehabt hätte. „Die unerlaubte Einfuhr von tierischen Lebensmitteln in die EU stellt eine bußgeldbewehrte Ordnungswidrigkeit nach dem Tierseuchenrecht dar“, belehrte er sie in schlimmstem Beamtendeutsch. „Aber wir verzichten auf ein Bußgeldverfahren, weil Weihnachten ist“, schob er, so freundlich er konnte, nach. Er wirkte zwar sehr förmlich, war aber ein eher schüchterner Typ, speziell Frauen gegenüber. Persönlich tat es ihm in der Seele weh, die mit viel Liebe hergestellten kosovarischen Schweinswürste ihrem eigentlichen Zweck, dem genussvollen Verzehr, vorzuenthalten. Als passionierter Jäger, der selbst verwurstete, ging es ihm gewaltig gegen den Strich, hochwertige Lebensmittel zu vernichten. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit sagte er Alive das auch. „Sie sind Jäger und Metzger, das ist ja lustig, mein Vater auch“, nahm Alive ganz spontan den Gesprächsfaden auf, obwohl sie sonst nie Fremden gegenüber etwas Persönliches über sich Preis gab. Aus leidvoller Erfahrung, die sie in ihrer Heimat mit korrupten Beamten machen musste, war sie speziell gegenüber Zoll und Polizei äußerst misstrauisch. Peter Kuhn machte gegenläufige Erfahrungen. Wie oft war er schon belogen, beschimpft, beleidigt und körperlich angegriffen worden? Das Gute im Menschen mag es ja geben, aber nicht auf dem Balkan. So war jedenfalls seine Überzeugung. Umso ungewöhnlicher, dass sich trotzdem ein reges Gespräch entwickelte. Und das zwischen zwei sehr unterschiedlichen, eher verschlossenen Menschen, die offenbar mehr Gemeinsamkeiten hatten, als sie es jemals für möglich gehalten hätten. Sie redeten und redeten und mit jedem Wort taute Peter Kuhn mehr auf. Ihr ging es genauso. Beide lachten, alberten herum und vergaßen völlig, wo sie eigentlich waren. Man spürte förmlich, wie das Eis zwischen ihnen brach. Die tiefe Stimme von Bruno Fix holte Peter Kuhn zurück in die raue Wirklichkeit, „Peter, Amsterdam funkt.“ Was in der Airlinersprache so viel heißt, dass die Maschine aus Amsterdam Funkverbindung zum Tower aufgenommen hat und in zehn Minuten landet.

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Dressel sah jetzt die Gelegenheit gekommen Murat Özel ins Gebet zu nehmen, um ihn endlich loszuwerden. „Sie sind seit über drei Stunden hier, wie soll es jetzt weitergehen?“ „Sie erlassen mir die Strafe, ich zahle nur den eh` schon irrsinnig hohen Zoll und Ihr werdet mich hier nie wieder sehen.“ „Wie kommen Sie eigentlich nach Hause, wartet draußen im Abholer Bereich jemand auf Sie?“, erkundigte sich Dressel. „Nein, ich fahre mit dem Zug nach Innsbruck.“ „Wann denn?“, wollte Dressel wissen, während er im Internet die Bahnverbindungen nach Innsbruck checkte. „Keine Ahnung, weiß ja nicht, wie lange das hier noch dauert.“ „Den Zug um 17:30 könnten Sie erwischen, sehe ich hier. Ist auch noch ein Sparangebot der Bahn, kostet nur 20 anstatt 40 Euro.“ Dressel wurde deutlich: „Dass Sie die vollen 228 Euro Zoll und Strafe zahlen, muss Ihnen klar sein. Entweder kurz und schmerzlos, jetzt und hier oder Sie überweisen von zu Hause aus, kostet aber zusätzlich Bankgebühren für die Auslandsüberweisung und Ihre Zigaretten nehme ich ihnen auch weg.“ „Was wenn ich nicht überweise?“. „Dann kommen Sie auf unsere Grenzausschreibungsliste und werden bei Ihrer nächsten Einreise nach Deutschland abkassiert, natürlich mit zusätzlichen saftigen Vollstreckungsgebühren. Oder Sie kommen die nächsten zehn Jahre gar nicht mehr her, dann ist die Sache nämlich verjährt.“ Özel überlegte. „Angebot!“ rief Dressel und versuchte Özel damit zu locken, “Sie zahlen jetzt und ich stelle –ausnahmsweise- die Zigaretten nicht sicher. Sie gehen hier mit Ihren Kippen raus, können den Sparpreis bei der Bahn nutzen und kriegen noch einen Becher von unserem frisch gebrühten Kaffee kostenlos obendrauf“. Özel rang mit sich und Dressel setzte nach, „Dann rauchen Sie eine Ihrer Zigaretten und stellen sich vor wie teuer die waren, das erhöht den Genuss enorm. Außerdem: Wer kann schon geschmuggelte Zigaretten rauchen, nachdem er vom Zoll erwischt worden ist. Niemand! Die Glimmstängel werden immer beschlagnahmt! Nur bei Ihnen nicht. Mit der Story sind Sie der Held auf jeder Party.“ Özel starrte Dressel eine gefühlte Ewigkeit an, dann öffnete sich sein Mund und er fragte, „Wo kann ich zahlen?“ 

Alina Berisha war am Boden zerstört, sie würde ihren Welpen für mindestens drei Monate in Quarantäne geben müssen. „Erst wenn die Tollwutimpfungen erfolgt sind und sich bei einer Blutuntersuchung als wirksam erwiesen haben, endet die Quarantäne“, erklärte ihr Dr. Schaller. „Dabei kommen Kosten für die Quarantäne von ungefähr 2.000 Euro auf Sie zu, ihr Hund wird schließlich rund um die Uhr betreut und verpflegt.“ Als wäre das nicht genug, eröffnete ihr der Grenztierarzt auch noch, dass sie wegen Tierquälerei angezeigt wird. „Ein drei Wochen alter Welpe darf nicht von seiner Mutter getrennt transportiert werden, schon gar nicht in so einer engen Tasche ohne ausreichende Luftzufuhr und ohne Wasser. Das ist nicht artgerecht“, begründete der Doktor die Anzeige und nahm den Welpen mit in seine Tierauffangstation. Alina Berisha blieb tieftraurig und auch empört zurück. Hatte ihr doch der Doktor strikt verboten ihr „Baby“ in der Quarantäne besuchen zu dürfen. "Der versteht nicht, dass Sie ihn nur besuchen kommen und danach ohne ihn wieder nach Hause gehen. Das können Sie einem Menschen erklären, aber nicht einem Hund. Ihr Besuch würde ihn nur in mentalen Stress versetzten". 

„Wo sind eigentlich unsere Youngster?“ fragte Dressel Bruno Fix. „Die haben bei den Zivilfahndern einen Kleinfall mit Haschisch abgearbeitet. Müssen ja auch mal lernen, wie das geht. Sie haben aber angerufen und kommen gleich.“ Der 19-jährige Jens Trenker aus Landshut war Dienstanfänger und seit gerade mal sechs Wochen am Flughafen. Ebenso die 20-jährige Uschi Lechz aus Bad Reichenhall. Jens war unsterblich in Uschi verliebt und versuchte, bei jeder passenden und leider auch unpassenden Gelegenheit, ihr zu imponieren. Die blonde, groß gewachsene Uschi fand Jens eigentlich ganz nett, eigentlich. Wenn er nur nicht so hyperaktiv wäre und so tun würde, als hätte er, der Rookie, schon alles gesehen und die volle Ahnung vom Job. Das nervte sie ungemein. Sie war deshalb schon zum Dienstplaner gegangen, um ihn nicht ständig als Schichtpartner haben zu müssen. Sie verstand nicht, wie Jens es jedes Mal schaffte, seinen Dienstplan dem ihrigen angleichen zu lassen. 

*

Murat Özel schob seinen Gepäckwagen aus der Kontrollhalle. Er nahm einen kräftigen Schluck Kaffee aus dem Plastikbecher, den Dressel ihm mit den Worten, „trotz allem wünsche ich Ihnen frohe Weihnachten“, überreichte. Natürlich erst nachdem er bezahlt hatte. Der Kaffee war tiefschwarz, stark und heiß, genau nach dem Geschmack von Özel. Gerade als er noch einen Schluck nehmen wollte spürte er einen Stoß von hinten, worauf hin er den Kaffee verschüttete und sich fast die Finger verbrühte. Er drehte sich um und sah die erschrockene Alive, die ihm mit ihrem Gepäckwagen in die Hacken gefahren war. „Entschuldigung, tut mir leid, ich war ganz in Gedanken.“ „Scheiße, heute ist wohl nicht mein Tag“, fluchte Özel, trank den letzten Rest Kaffee aus und verließ fluchtartig die Halle. Alive blieb noch kurz stehen, faltete die Beschlagnahmequittung und den Zettel mit der Handynummer von Peter Kuhn zusammen. Beides steckte sie in ihre Geldbörse und lächelte dabei versonnen. 

Dressel saß an seinem Schreibtisch und dokumentierte die bisherigen Geschehnisse im Schichtbericht, als sein Telefon klingelte. Der Zollfahnder Hans König war dran. „Na Hubert, Du hast wohl auch keine Heimat. Ich dachte Du bist im Urlaub.“ „Dachte ich auch“, entgegnete Dressel. „Kümmerst Du Dich wenigstens morgen um Deine Karin?“, flachste König. „Na klar, wenn Du mir keinen Strich durch die Rechnung machst, kann ich mich heute Abend schon um sie kümmern. Und was geht bei Dir und Deiner Ex?“, erkundigte sich Dressel „Wenn ich morgen Abend nicht auf der Matte stehe, ist der Ofen endgültig aus. Dieses Weihnachten ist für uns entscheidend. Ab Morgen hab` ich frei und auch keine Bereitschaft. Da kann sein was will ich werde nicht ausrücken“. „Das glaube ich Dir nicht“, antwortete Dressel. „Gaby auch nicht“, gab König zurück. Die beiden Männer lachten. Hans König war von seiner Frau Gaby unglücklich geschieden. Er wusste, dass er es vermasselt hatte. Zu oft war sie allein, zu oft war er weit weg, als sie ihn dringend gebraucht hätte. Er nahm seinen Beruf sehr ernst und war überzeugt von dem, was er tat. Die Kollateralschäden nahm er in Kauf: Freunde, Bekannte, Verwandte, die sich von ihm abwandten, weil er nie Zeit hatte. Zugesagte Verabredungen, die er aus dienstlichen Gründen kurzfristig absagte oder erst gar nicht erschien gab es andauernd. Als Gaby ihm die Trennung androhte, glaubte er noch, dass es schon nicht so schlimm kommen werde. Erst als er die Scheidungspapiere in Händen hielt, begriff er, was er verloren hatte. Spät nahm er den Kampf um sie auf, vielleicht zu spät. 
„Benno und ich haben die Passagierliste von dem Amsterdam-Flug überprüft. Ist niemand drauf, der irgendwie in Frage kommen könnte. Keiner ist jemals polizeilich aufgefallen. Es gibt null Anhaltspunkte. Sieht so aus, als wären auf dem Flug nur Freunde von Tulpen aus Amsterdam unterwegs und keine Drogenschmuggler.“ „Okay Hans, sollen wir dann den Ausgang dichtmachen und ´ne Vollkontrolle durchziehen?“, fragte Dressel. „Nein, das gibt der Hinweis nicht her. Anonym und ohne jede konkrete Info; das ist zu wenig. Dass auf einem Amsterdam-Flug Drogen drauf sein können, weiß jeder. Benno und ich mischen uns oben bei der Fluggastbrücke unter die Passagiere und schauen, ob wir jemanden sehen, der in Frage kommen könnte. Ich ruf Dich dann an und sag Dir Bescheid“. Sie beendeten das Gespräch und Dressel gönnte sich jetzt den ersten Kaffee. 
Draußen wurde es langsam dunkel und der Schneefall nahm zu. Dadurch kam es zu Verzögerungen bei Starts und Landungen, weil die Räumdienste die Runway laufend von Schnee und Eis befreien mussten. Mit 60-minütiger Verspätung landete die Royal Dutch Airlines um 16:30 Uhr in München.

Gate am Terminal 1 Flughafen München

Hans König und Benno Plank standen direkt an der Fluggastbrücke und betrachteten unauffällig die aussteigenden Passagiere. Ein dunkelhäutiger Priester, ein dünner, blasser Jugendlicher und ein älterer Herr ihm Rollstuhl, der vom Mobility Service betreut wurde, waren die einzigen, die sich von der grauen Masse der Passagiere abhoben. 

Dressel stand am roten Ausgang, der direkt in die Zollstelle führte und sah, wie die Passagiere aus Amsterdam die Treppe vom Transitgang herunterkamen und an den unbesetzten Passkontrollboxen vorbei zum Gepäckband gingen. 
Dank der Personenfreizügigkeit in der EU finden zwischen den sogenannten „Schengen-Staaten“, zu denen auch Holland gehört, keine Passkontrollen mehr statt. 
Während König sich unauffällig in den Passagierstrom einreihte, gab er Dressel telefonisch seine Erkenntnisse durch. „Nur das übliche Publikum, Familien, Geschäftsreisende und Touristen. Ein Alleinreisender Junge in löchriger Jeans und roter Steppjacke, könnte zum Kiffen nach Amsterdam geflogen sein, ist meiner Meinung nach aber nur für ein paar Gramm Gras gut. Ein schwarzer Pfarrer, vielleicht ein Afrikaumsteiger, dann wär`s interessant. Das war`s dann auch schon. Schaut Euch die Beiden mal an.“ „Wenn der Pfarrer aus Afrika über Amsterdam käme, hätten ihn die Holländer schon rausgezogen. Außer die Kollegen in Schiphol haben ihm abgenommen, dass er als Pfarrer niemals gegen das 11. Gebot verstoßen würde“, scherzte Dressel. „Hubert, ich weiß ja, dass Du ein elender Sünder bist, aber selbst Du solltest wissen, dass es nur zehn Gebote gibt“, entgegnete König mit gespieltem Ernst. „Das 11. Gebot heißt, Du sollst nicht kurz vor Weihnachten schmuggeln. Es gibt sogar noch ein zwölftes, und zwar, nicht jeder jugendliche Kiffer aus Amsterdam bringt auch was mit“, ergänzte Dressel. König schmunzelte, „Schau `mer mal.“ Benno Plank wartete, bis die letzten Reisenden aus dem Flieger ausgestiegen waren und folgte ihnen dann über den Transitgang. Kurz vor der Treppe, die zur Gepäckhalle führt, warf er einen Blick runter zum Gepäckband des Amsterdam-Flugs. Da sah er den Mann im Rollstuhl, der von zwei Mitarbeiterinnen des Mobility-Service betreut wurde. Eine unterhielt sich mit dem Gehbehinderten, während die andere seinen Koffer vom Band holte. „Verdammt“, murmelte Plank vor sich hin „da stimmt was nicht.“ 

Der Jugendliche in der roten Jacke war ein 17-jähriger Bäckerlehrling aus Traunstein. Zitternd stand er vor Maria, die ihn im grünen Kanal angehalten hatte. „Ich war nur übers Wochenende zum Sightseeing in Amsterdam.“ „Warst Du auch in einem Coffee-Shop“, fragte Maria streng. „Ja, aber ich hab` da nur einen Joint geraucht. Da ist mir so schlecht geworden, dass ich gleich zurück zum Hotel bin und geschlafen habe.“ „Von einem Joint wird Dir schon schlecht?“, fragte Maria leicht amüsiert nach. „Ich bin normalerweise Nichtraucher und wollte eigentlich nur ein bisschen Gras probieren, die haben mir aber aus Haschisch eine Tüte gebaut und sie mir auch noch geschenkt. Ist was für richtige Männer haben sie gesagt. Wäre echt peinlich gewesen, wenn ich abgelehnt hätte.“ „Hast Du was mitgenommen?“, insistierte Maria und sah ihm dabei direkt in die Augen. „Nein, ich schwör“, versicherte er. „Wie kommst Du heim?“ „Meine Mutter steht draußen und holt mich ab.“ „Weiß sie, dass Du kiffst?“, bohrte Maria weiter. Panik machte sich bei dem Jungen breit „Sagen Sie ihr bloß nicht, dass ich im Coffee-Shop war. Hier, ich zeig Ihnen meine Tasche, sie können alles checken, ich ziehe mich auch gerne aus, aber sagen Sie bloß meiner Mutter nichts.“ „Na ja, so von Mutter zu Mutter müsste ich es ihr eigentlich schon sagen. Aber versprich mir einfach, dass Du die Finger von dem Zeug lässt. Deine Mutter würd´s freuen und mich auch“, Maria beendete die Kontrolle und wünschte ihm frohe Weihnachten.

The Bulldog Amsterdam, Schmugglergeschichten
Hanfsamen zum selber Anbauen, The Bulldog Amsterdam, Zollgrenze Flughafen
Christbaum Hotel Hilton München Flughafen

Jens Trenker wollte unbedingt seinen ersten großen Rauschgiftaufgriff machen. Da würde Uschi schauen, wenn er mit seinen pfiffigen Ermittlungsmethoden, die ihm Dressel kurz vorher verraten hatte, den dunkelhäutigen Pfarrer des Schmuggels von Drogen überführen könnte. „Wäre nicht das erste Mal, dass sich einer als Pfarrer ausgibt, um mit diesem „Amtsbonus“ eine Kontrolle zu vermeiden. Am besten überprüfst Du so was, indem Du ihn das Vater unser in Latein aufsagen lässt und nachschaust, ob er eine Bibel und einen Rosenkranz dabeihat. Das sind die Basics bei jedem katholischen Pfarrer“, empfahl ihm Dressel augenzwinkernd. Da schob der Pfarrer auch schon seinen Gepäckwagen durch den grünen Ausgang. Jens ging ihm schnell einen Schritt entgegen, um zu verhindern, dass ein anderer Kollege ihm zuvorkommt. „Guten Abend, Zollkontrolle, Ihren Ausweis bitte“, Jens hielt den Schwarzafrikaner im Pfarrersgewand an. Er konnte es gar nicht mehr erwarten, endlich seinen ersten großen Fall zu haben und fragte noch, während der Mann seinen Pass aus der Jackentasche kramte, „Können Sie eigentlich Latein?“ Pfarrer Pierre Owomajega überreichte ihm seinen senegalesischen Pass und antwortete leicht belustigt, „Die meisten Menschen fragen mich, ob ich Deutsch kann, Sie sind der erste der nach Latein fragt“. Gerade als sich Jens Bibel und Rosenkranz zeigen lassen wollte, kam Uschi aus dem Kontrollraum auf ihn zugelaufen, dachte er zumindest. Aber sie ließ ihn links liegen und begrüßte den Mann, den er gerade kontrollierte. „Grüß Gott Herr Pfarrer, darf man schon zur Beförderung gratulieren? Wenn Sie noch kurz Zeit haben, könnten wir schnell die Liederzusammenstellung für den Kindergottesdienst morgen Nachmittag durchgehen.“ Uschi war Leiterin des Kinderchors in ihrer Kirchengemeinde in Bad Reichenhall und Pierre Owomajega der dortige Pfarrer. Letzte Woche war er kurzfristig nach Rom einbestellt worden, um den Ehrentitel Monsignore verliehen zu bekommen. Weil alle Direktflüge zurück nach München ausgebucht waren, musste er über Amsterdam fliegen. Im Gepäck hatte er die Ernennungsurkunde des Papstes und eine Flasche Messwein aus dem Vatikan. Jens konnte seine Beschämung kaum verbergen. Während Uschi mit dem Pfarrer angeregt plauderte, wäre er am liebsten im Erdboden versunken. Der Mann, den er für einen Rauschgiftschmuggler gehalten hatte, war ein katholischer Pfarrer, der direkt vom Papst kam und obendrein auch noch Uschis Kirchengemeinde vorstand. Jetzt kam sie auch noch mit ihm im Schlepptau auf ihn zu. Owomajega reichte dem jungen Zollbeamten mit dem hochroten Kopf die Hand, „Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.“ „Danke, Ihnen auch“, stammelte Jens verlegen. Nur noch eine Frage hatte der Pfarrer, „Warum wollten Sie eigentlich wissen, ob ich Latein kann?“ 

„Die hab` ich grad noch gesehen. Die kann noch nicht weit sein“ König lief mit dem Handy am Ohr suchend durch die Gepäckhalle. Benno Plank hatte ihm gerade seine Beobachtung mitgeteilt. „Weißt Du noch, als vorher die Paxe (in der Flughafensprache für Passagiere) durch den Finger kamen? Da war doch der ältere Herr im Rollstuhl, den die drei Damen vom Mobility Service begleiteten. Alle drei in blauer Dienstkleidung mit Flughafenausweis. Kannst Du Dich an die kleine blasse, etwas feste Rothaarige erinnern? „Ja klar, und?“ Als ich grade die Treppe zur Gepäckhalle runter will, schau ich zufällig auf das Band für das Amsterdam-Gepäck. Und was sehe ich? Die Rollstuhlfahrerin und nur noch zwei Damen in Blau bei ihr. Die Dritte, also die kleine Rothaarige, ist auf einmal weg. Und noch was fällt mir jetzt ein. Die vom Mobility Service sind immer nur zu zweit, nie zu dritt.“ 

König ging schnellen Schrittes zum grünen Ausgang und fragte die dort stehenden Kollegen nach der Frau mit den roten Haaren und der blauen Dienstkleidung vom Mobility Service. „Ja, die ist grad durch“, wusste Markus Ritter. „Hatte Sie Gepäck dabei? „Nein, warum auch, die arbeitet ja hier, warte, obwohl, eine braune Handtasche hat sie gehabt.“ König instruierte Markus, „Wenn der Mobility Service den Rollstuhlfahrer rausbringt befragt ihr die, wie ihre Kollegin mit den roten Haaren heißt und wo sie jetzt hin ist. Zwei von Euch gehen bitte zur S-Bahn im Zentralbereich und zwei die andere Richtung bis zu Modul E. Ich geh raus zum Taxistand.“ Sprach`s und rannte mit dem Handy am Ohr aus der Ankunftshalle.

Tower Flughafen München im Winter

Mittlerweile war es kurz nach 18.00 Uhr und grimmig kalt geworden. Der neu gefallene Schnee gefror und es wurde eisig glatt auf den Straßen. Selbst die flotten Münchner Taxler fuhren etwas vorsichtiger. Alles ging ein bisschen langsamer. Die letzten Taxis waren gerade mit ihren neu zugestiegenen Fahrgästen Richtung Innenstadt abgefahren während eine Hand voll zurückgebliebener Passagiere ungeduldig auf die nächsten frei werdenden Taxis wartete. 

„Scheiße, die ist weg“, dachte sich König, ging aber sicherheitshalber noch auf die paar Wartenden zu, die fröstelnd am Straßenrand standen und nach einem Taxi Ausschau hielten. Und da war sie, verdeckt von einer vierköpfigen Familie. König hätte sie fast übersehen, wenn sie nicht geraucht hätte. Der aufsteigende Zigarettenqualm verriet sie. Da rollte auch schon das nächste freie Taxi an. König sprintete los und wäre fast auf einer vom Schnee zugewehten Eisplatte ausgerutscht. Gerade so hielt er das Gleichgewicht und schaffte es, sie zu erwischen, bevor sie ins Taxi steigen konnte. „Guten Abend, Zollkontrolle, zeigen Sie mir bitte Ihren Ausweis und Ihr Flugticket“, stieß er ganz außer Atem hervor und hielt ihr seinen Dienstausweis unter die Nase. Sie sah ihn völlig ausdruckslos an und kramte umständlich in ihrer Handtasche. Dann hob sie die Tasche hoch, um besser hineinsehen zu können, wie König dachte. Ein Irrtum. Sie warf ihm die Tasche vor die Füße und lief weg, zurück in die Ankunftshalle. Dabei schrie sie laut „Hilfe, Hilfe, lassen Sie mich in Ruhe, ich habe Ihnen doch nichts getan.“ Und wieder musste er aus dem Stand los sprinten, doch dieses Mal zog es ihm die Füße weg und er knallte mit dem verlängerten Rücken auf den hart gefrorenen Boden. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er brauchte eine halbe Minute um sich wieder zu berappeln. Dieses Malheur verschaffte ihr einen Vorsprung, den er erst einmal wieder aufholen musste und das unter erschwerten Bedingungen. Sie brüllte wie am Spieß um Hilfe und er, das war ihm bewusst, sah dabei ganz schlecht aus. Ein großer, stämmiger Mann um die vierzig, läuft einer etwa 25-jährigen schreienden, dicklichen Frau mit roten Haaren, blauer Dienstkleidung und offen sichtbaren Flughafenausweis hinterher. Der Anruf, dass im Bereich des Ankunftsmodul C, gleich eine junge Frau vergewaltigt wird, ging um 18:15 Uhr bei der Polizeiinspektion München Flughafen ein. 
Sie rannte zum Zentralbereich, die Rolltreppe zur S-Bahn hinunter, direkt zum mit offenen Türen wartenden Zug Richtung Stadtmitte. „Bitte zurückbleiben“, ertönte die Lautsprecherdurchsage. Die Rothaarige war jetzt unmittelbar vor dem Zug und wollte gerade hineinspringen, als sich die Türen mit einem lauten Zischen schlossen. Hastig drückte sie den rot leuchtenden Türöffner. Weil sich nichts tat, schlug sie voller Verzweiflung mit den Händen gegen die Zugfenster. Plötzlich wechselte der Knopf die Farbe auf grün und die Türen öffneten sich wieder. Kurz bevor sie einsteigen konnte, erwischte König sie mit der linken Hand am Arm und zog sie vom abfahrbereiten Zug weg. Die Türen schlossen und die S 8 rollte, begleitet von wilden Flüchen der Rothaarigen, langsam aus dem Bahnhof.
Mit seiner rechten zog Hans König seine Handschellen aus der Gürteltasche, als er ein gereiztes, „Was is´n da los?“, in bayerischem Dialekt hörte. Er drehte den Kopf zur Seite und erblickte aus den Augenwinkeln einen etwa 50-jährigen Hauptmeister der Bayerischen Landespolizei und seinen Kollegen, einen jungen Bereitschaftspolizisten, der mit einer Maschinenpistole MP5 auf seinen Bauch zielte. „Ich bin ein Kollege von der Zollfahndung und bitte um Unterstützung bei der Festnahme dieser Person“, keuchte König, der nach dem Dauerlauf Seitenstechen und wegen des Sturzes starke Hüftschmerzen hatte. „Dienstausweis!“, befahl der Hauptmeister knapp. König hielt die zappelnde Rothaarige immer noch mit der linken Hand fest, weil er unter keinen Umständen wieder ein Wettrennen mit ihr machen wollte. Gleichzeitig versuchte er, mit den Handschellen in der rechten Hand an seinen Dienstausweis, der in seiner Hemdtasche steckte, zu kommen. Wegen des dicken Anoraks, den er trug, ein aussichtsloses Unterfangen. „Werd`s bald“, bellte der Polizeihauptmeister ungeduldig. Die immer noch auf ihn gerichtete MP machte König langsam nervös. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam endlich Benno Plank angerannt und klärte die Situation. Nachdem König der Dame endlich Handschellen angelegt hatte, zeigte er dem bayerischen Hauptmeister seinen Dienstausweis. Der sah gar nicht mehr hin und meinte nur, „Passt scho“. „Na wenigstens macht der nicht viele Worte“, dachte König. 
„Hubert, Deine Leute sollen bitte draußen bei den Taxis nach einer braunen Damenhandtasche schauen. Die Verdächtige hat mir die vor die Füße geworfen und dann die Beine in die Hand genommen. Ist etwa `ne halbe Stunde her. Wir haben sie grad festgenommen und kommen jetzt zu Dir auf die Dienststelle.“ 
Kurze Zeit später standen König und Plank mit der 26-jährigen Susanne Welke, so hieß die rothaarige Dame, im Zoll Büro auf Modul C. „Ihre Kolleginnen vom Mobility Service haben sich selber gewundert, als Frau Welke in ihrer Arbeitskleidung aus dem Flugzeug stieg. Die hatten aber keine Zeit nachzufragen, weil sie den Patienten in den Rollstuhl hieven mussten“, berichtete Dressel. 

„Die Handtasche war nicht mehr da. Wir haben die Taxileitstelle gebeten, bei ihren Kollegen nachzufragen, ob jemand was über die Handtasche weiß. Das Fundbüro ist auch informiert. Die geben uns Bescheid, wenn sie was haben“, fuhr Dressel fort. „Die wird schon wieder auftauchen“, zeigte sich König optimistisch. „Was macht Dich da so sicher“, zweifelte Dressel „die findet wer, nimmt Geld und Wertsachen raus und schmeißt sie weg. In dem Schneegestöber da draußen taucht die nie mehr auf.“ „Doch“, beharrte König, „wir kriegen die Tasche.“ Während Maria und Uschi die Verdächtige körperlich durchsuchten, befragte Benno Plank den Polizeicomputer über Susanne Welke. „Na, das ist ja ein Früchtchen. Hat fast fünfzig Einträge, das Strafgesetzbuch rauf und runter. Handel mit Heroin, Diebstahl, Betrug, schweren Raub, Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung, Widerstand gegen Vollzugsbeamte und so weiter und so fort. Da ist noch eine Bewährungsstrafe offen wegen Rauschgifthandels. Kein Wunder, dass die flitzen gegangen ist. Wenn wir bei der jetzt was finden, geht die mindestens zwei Jahre in den Bau.“ Dressel betrachtete den Personalausweis von Ramona Welke, der jüngeren Schwester von Susanne. „Eine gewisse Ähnlichkeit besteht da schon“, stellte er fest. Die wahre Identität von Susanne Welke, die zur Tarnung den Ausweis ihrer unbescholtenen Schwester Ramona benutzte, flog erst auf, als Markus Ritter ihre Kolleginnen vom Mobility Service befragte. Da Susanne Welke auch ihren Flug mit dem Ausweis der Schwester buchte, blieben ihre vielen Einträge im Polizeicomputer beim Abgleich mit der Passagierliste unbemerkt. 
Maria kam aus kopfschüttelnd aus dem Durchsuchungsraum, „Die hat nix dabei. An ihren Fingern sind Heroinspuren. Der Wischer war stark positiv.“ Mit Wischer war ein Drogenschnelltest gemeint, bei dem mit einem Flies über eine Fläche oder einem Körperteil gestrichen wird. Dabei bleiben winzigste Partikel hängen, die für eine aussagekräftige Analyse reichen. „War´s das, kann ich gehen“, drängte Welke, als sie aus dem Durchsuchungsraum kam. „Warum sind Sie davongelaufen“, wollte König von ihr wissen. „Weil ich keinen Ärger mit Euch Typen will, ich kenn Euch doch. Ihr hängt mir irgendwas an und geilt euch daran auf, dass ihr wieder jemand in die Pfanne gehauen habt.“ „Wann haben Sie zuletzt Heroin genommen und wieviel haben Sie aus Amsterdam mitgebracht?“ „Geht das schon wieder los. Welches Heroin? Ich habe in Amsterdam eine Folie geblowt, das ist nicht verboten. Ich hab` nix dabei. Lassen Sie mich jetzt endlich gehen oder meinen Anwalt anrufen.“ 

„Erst mal warten Sie“, beschied ihr König energisch. Während Jens und Uschi Susanne Welke bewachten, berieten sich König und Plank. „Wir brauchen die Tasche, sonst können wir sie nicht länger festhalten“, stellte König klar. „Die Kollegen vom Reiseverkehr suchen den Außenbereich noch mal ab. Das Fundbüro und die Taxizentrale haben wir verständigt. Alles negativ.“ Plank nickte ratlos. Plötzlich wurde es laut in dem Büro, in dem Susanne Welke von den beiden jungen Zöllnern bewacht wurde. Dressel und König rissen die Tür auf und sahen, dass Welke gerade versuchte, Uschi von hinten die Dienstpistole aus dem Holster zu ziehen. Glücklicherweise war das Holster mit einer Sicherung gegen solche Zugriffe versehen, so dass der Versuch missglückte. König warf Susanne Welke zurück auf ihren Stuhl und Dressel fesselte sie wieder. „Das ist Freiheitsberaubung, Ihr könnt mich nicht für nichts einsperren, ich will hier sofort raus“, brüllte sie König an. 

Ignatz Müller wollte gerade eine braune Damenhandtasche in den Abfallbehälter werfen, als er den Funkspruch seiner Leitstelle hörte. 

Der 54-jährige Taxifahrer hatte die Handtasche kurz vorher unbemerkt am Taxistand des Flughafens vom Boden aufgehoben, als eine rothaarige Frau, die gerade in sein Taxi steigen wollte, vor einem Mann davonlief, der sie offenbar belästigte. Die anderen Wartenden rissen ihre Handys raus und filmten die Verfolgung der schreienden Frau. Und zwar so lange, bis sie ein Video im Kasten hatten, dass sie für spektakulär genug hielten, es in den sozialen Netzwerken zu teilen. So merkten sie nicht, dass sich Müller blitzschnell die Tasche schnappte und ohne Fahrgäste aufzunehmen wegfuhr. Im nahegelegenen Einkaufszentrum, den Schlüterhallen vor Freising, kaufte er sich, wie immer, drei Leberkäsesemmeln und eine Literflasche Cola zum Abendessen. Den täglichen Konsum dieser tendenziell eher ungesunden Nahrungsmittel sah man ihm an, er war stark übergewichtig. Bevor er den ersten Bissen nahm, öffnete er die Handtasche. Die Neugierde und die Hoffnung auf ein paar Extra-Euros waren stärker als sein Hungergefühl. 

*

„Was haben wir gegen sie in der Hand?“, König rekapitulierte und warf die entscheidenden Fragen auf. Plank und Dressel hörten aufmerksam zu. „Einen anonymen Hinweis, der nichts wert ist, das Tragen von Berufskleidung in der Freizeit zur Tarnung? Die Identitätsverschleierung mit dem Ausweis ihrer nicht vorbestraften Schwester? Die Flucht vor der Zollkontrolle und Heroinspuren an den Fingern. Was ist daran so schwerwiegend, dass es für einen Haftbefehl reicht?“ „Den Flughafensicherheitsausweis darf sie nur im Dienst benutzen und der Uschi wollte sie die Waffe abnehmen“, ergänzte Dressel. „Dafür können wir sie aber nicht einsperren, auch nicht für den Ausweismissbrauch“, merkte Plank mürrisch an. 

Ignatz Müller durchwühlte hektisch die braune Handtasche und fand einen Briefumschlag mit zehn Fünfzig-Euro-Scheinen. Da er keine weiteren Wertsachen feststellte, nahm er nur das Bargeld heraus. Trotz vieler Nachtschichten verdiente er nicht genug Geld, um sich München leisten zu können. Obwohl er in der kleinen Wohnung seiner 80-jährigen Mutter in Trudering wohnte, sich fast ausschließlich von bayerischen Fast Food wie Leberkäse und Weißwürsten ernährte und kaum ausging, reichte es hinten und vorne nicht. Die Rente seiner Mutter ging komplett für die Miete drauf und so musste er mit seinem Lohn ihren Lebensunterhalt mitfinanzieren. Da kamen die 500 Euro aus der Tasche gerade Recht. Damit würde er seine Mutter in ein richtig gutes Restaurant einladen und ihr einen neuen Wintermantel zu Weihnachten schenken. Er blickte mit ein bisschen schlechtem Gewissen zum Himmel, „Danke lieber Gott, dass Du zu Weihnachten auch mal an mich denkst.“ Gerade als er die Handtasche entsorgen wollte, hörte er den Funkspruch der Taxizentrale, „Die Polizei sucht dringend eine braune Damenhandtasche, die am Flughafen am Taxistand bei Modul C Ankunft verloren wurde. Wer was gesehen hat, bitte bei der Leitstelle melden.“ Müller zuckte zusammen, dann überlegte er fieberhaft. „Da hat keiner was gemerkt, die haben doch alle wie gebannt auf ihre Handys geglotzt und sind sogar noch vom Taxistand weg, um besser filmen zu können.“ Aber was, wenn doch  einer gesehen hat, wie er sich die Tasche griff. Wenn sich jemand das Kennzeichen gemerkt oder sogar abfotografiert hat? Zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. 

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„Ich wollte die Pistole nur mal anfassen. Hab` nur da hingelangt und niemanden angegriffen und Ihr drückt mir gleich `ne Anzeige wegen versuchten Raubes rein. Seid Ihr total verrückt geworden?“, zeterte Susanne Welke, als ihr König eröffnete, sie wegen versuchten Pistolenraubs und der anderen Delikte anzuzeigen. „Habt Ihr zu viel Glühwein getrunken, oder was?“ „Vorsicht“, mahnte Plank, „Eine weitere Anzeige wegen Beleidigung von Amtspersonen ist gleich geschrieben.“

 * 

Sepp Buchner, ein 58-jähriger Zollamtsinspektor war seit Januar dieses Jahres verwitwet. Sie hatten keine Kinder gehabt und so musste er das erste Weihnachten nach dem Tod seiner Frau allein verbringen. Zwar hatten Nachbarn ihn eingeladen Heiligabend mit ihnen zu feiern, aber er wollte das Thema Weihnachten am liebsten komplett verdrängen. Deshalb hatte er von 23. bis 31. Dezember jeden Tag Spätdienst bei seinen Dienstplanwünschen eingetragen. Doch ausgerechnet am 24. Dezember hatte ihm der Dienstplaner, trotz seiner Proteste, frei gegeben. Wenn er nachts um Elf nach Hause, in die noch von ihr geschmackvoll eingerichtete Eigentumswohnung in Gartenstadt Trudering kam, trank er gleich eine halbe Flasche Metaxa, um nicht ständig an die Frau denken zu müssen, mit der er dreißig Jahre verheiratet war. Und um überhaupt einschlafen zu können. Jetzt stand er neben der Ascher Säule vor Ankunft C und rauchte seine zweite Zigarette. Bis zur Landung der verspäteten Maschine aus Dubai um 21:00 Uhr war noch ein bisschen Zeit. Er war ganz froh, hier mutterseelenalleine in der Kälte zu stehen und seinen Gedanken nachhängen zu können. 
Ignaz Müller fuhr am leeren Taxistand vor. Erst wenn die Passagiere aus Dubai die Ankunftshalle verlassen, herrscht dort reger Betrieb. Im Moment war noch die Ruhe vor dem Sturm. „Wenn ich die Handtasche da aus dem Fenster fallen lasse, wo die kleine Rothaarige sie vorher hingepfeffert hat, kann mir keiner was. Sollte die Polizei doch auf mich kommen, sag ich einfach, dass ich die Tasche aufgehoben und auf den Randstein gelegt habe, weil ich dringend wegmusste. Von einem Umschlag mit Geld weiß ich nichts, das Gegenteil kann mir keiner beweisen.“ Buchner drückte seine Zigarette im Ascher aus und wollte gerade wieder in die warme Halle gehen, als ihm auffiel, dass sich das Fenster eines vorbeifahrenden Taxis kurz öffnete und ein Gegenstand herausflog. Sepp Buchner war nicht nahe genug dran, um das Kennzeichen zu erkennen, aber er sah eine Tasche zu Boden fallen. Gerade als er nachsehen wollte, klingelte sein Handy. „Bin sofort da“. Dressel beorderte ihn zurück in die Dienststelle zum Kassieren. 

„Das war´s dann. Sie können gehen“, verabschiedete König Susanne Welke „Vielen Dank, sehr nett. Nachdem Sie mich stundenlang schikaniert haben und meine Handtasche wegen Ihnen weg ist, darf ich gehen. Was ist mit den 1000 Euro, die da drin waren? Zahlen Sie mir die zurück, oder wer? Ich verlange Schadenersatz.“ Susanne Welke redete sich wieder in Rage. So schnell wie König sie vorher festnehmen wollte, so schnell wollte er sie nun endlich loswerden. „Meinen Namen haben Sie ja, Sie können sich jederzeit über mich beschweren.“ „Worauf Sie sich verlassen können. Sie haben mir Zeit und Geld gestohlen und das Weihnachtsfest versaut. Noch mal, vielen Dank dafür“, ätzte sie. 

Robert Keller betrat den kleinen Kassenraum, in den Sepp Bucher gerade eben wieder zurückkam und legte ihm einen Verzollungsbescheid auf den Schreibtisch, „Sepp, kannst Du die Dame aus Thailand bitte mal abkassieren.“ 

*

König und Plank bedankten sich derweil bei ihren uniformierten Kollegen für die engagierte Mitarbeit. „Leider haben wir die verdammte Handtasche nicht gefunden und damit nichts Relevantes gegen die Welke in der Hand. Benno und ich sind noch bis zehn da. Wenn bis dahin nichts mehr ist, wünschen wir schon mal frohe Weihnachten.“ Die zerknirschten Fahnder zogen ab, aber die Enttäuschung über den Ausgang der Sache blieb auch bei den Beamten des Reiseverkehrs hängen. Dressel versuchte seine Truppe wieder aufzumuntern. „Die Dubai ist on Block. Auf geht´s zum letzten Gefecht. Danach ist Feierabend.“ 

Susanne Welke ging schnurstracks zum Taxistand. Vielleicht lag sie ja noch im Rinnstein oder jemand hatte sich das Geld gekrallt und sie in einen der rumstehenden Abfallbehälter geschmissen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, dachte sie und machte sich auf die Suche nach ihrer Handtasche. 

Sepp Buchner kam aus seiner Kasse und fragte Jens, „Weißt Du wo Robert ist?“ „Der holt sich einen Kaffee, kann ich Dir was helfen?“ „Robert hat grad `ne Damenhandtasche aus Thailand verzollt, die Frau will nicht zahlen. Die Gucci-Tasche soll eine billige Fälschung sein, sagt sie und nicht so viel gekostet haben, wie Robert angenommen hat“. Sein Nachsatz, „Diese Handtaschen sind wirklich nicht viel Wert, wenn sogar Taxifahrer sie einfach wegwerfen.“, elektrisierte Jens. Nachdem Sepp seine Beobachtung am Taxistand Jens geschildert hatte, war der nicht mehr zu halten. „Uschi, komm schnell, ein Taxifahrer hat eben eine Handtasche aus seinem Fahrerfenster geworfen und ist dann weg. Das ist bestimmt die von der Rothaarigen aus Amsterdam.“ Und schon rannte er mit Uschi im Schlepptau raus zum Taxistand. 
Sie waren gerade an der Taxi-Spur angekommen als Uschi Susanne Welke auf der Rückbank eines losfahrenden Taxis erkannte. „Da ist sie“, schrie Uschi und zeigte in Richtung des rollenden Mercedes. Sie hatte in letzter Sekunde einen roten Haarschopf durch die sich noch nicht vollständig beschlagene Fensterscheibe erkannt. Jens sprang direkt vor die Motorhaube des Autos, was den erschrockenen Fahrer zu einer Vollbremsung zwang. Glücklicherweise fuhr er wegen der Glätte so vorsichtig an, so dass er Jens nur leicht touchierte. Susanne Welke sah aus dem Taxifenster wie durch eine Nebelwand nur die Umrisse der blauen Zolluniformen auf sie zukommen und geriet in Panik. Sie sprang aus dem Taxi und lief quer über die Modulstraße zu den Parkplätzen. Sie wollte weiter über die vielbefahrene, dreispurige Straße Richtung Terminal 2, musste aber stoppen, um nicht von einem vorbeirauschenden Lufthansabus überrollt zu werden. Uschi, die von den vielen Bergläufen am Bad Reichenhaller Predigtstuhl topfit war, hatte sie da aber schon eingeholt und versuchte sie festzuhalten. Susanne Welke holte mit ihrer Handtasche aus, um damit Uschi ins Gesicht zu schlagen. Dazu kam sie aber nicht, weil Jens sie ihr aus der Hand riss. Noch bevor sich Welke weiter wehren konnte, brachte Jens sie mit einem Polizeigriff zu Boden und legte ihr Handschellen an. 

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Uwe Dukke, ein 60-jähriger Münchner Juwelier, kam gerade aus Dubai an und ging vorschriftsgemäß durch den roten Ausgang, um seine vier Herrenarmbanduhren der Marke Rolex im Wert von 20.000 Euro anzumelden. Da er regelmäßig Uhren aus dem Ausland einführte, war er den Zollbeamten bestens bekannt. Während er die Rolex-Uhren, Modell Day just, die in durchsichtige Plastiksäckchen verpackt waren, aus seinem abschließbaren Handkoffer holte, rief Maria im Rechner seine Internetzollanmeldung auf. Bruno Fix kannte Dukke natürlich auch, traute ihm aber nicht über dem Weg. Er konnte nicht sagen warum, war einfach so ein Bauchgefühl. Dukke wirkte seriös, war sehr jovial und immer in Anzug und Designerkrawatte unterwegs. Gerne erzählte er jedem, der es hören wollte, dass er alle seine Krawatten noch bei Rudolph Mooshammer persönlich in der Maximilianstraße in der Münchner Innenstadt gekauft hat. Seit Mooshammers Ermordung durch einen irakischen Stricher im Jahr 2005 habe er sich keine einzige Krawatte mehr zugelegt. Weil keine anderen mehr die Qualität und das tolle Design der Mooshammer-Krawatten erreichten, so seine Begründung. 

„Sie haben die verfluchte Handtasche“, schrie Plank Hans König förmlich ins Gesicht, als er den Telefonhörer aufknallte. Der sprang von seinem Schreibtisch auf und ballte die Faust. „Dressel hat grad angerufen, sie haben die Welke mit ihrer Handtasche festgenommen als sie schon im Taxi saß. Sie hat wieder versucht abzuhauen. Aber die zwei Neuen waren schneller“, verkündete Plank die Neuigkeiten. „Was ist in der Handtasche? Haben sie schon was gefunden?“, wollte König voller Ungeduld wissen. Fünf Minuten später standen die beiden Fahnder vor Susanne Welke, die in Handschellen gefesselt auf dem gleichen Stuhl saß, wie vorher. Sie verzog das Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen und presste hervor, „In meiner Handtasche werden Sie nichts finden, ich möchte eine Anzeige machen. Jemand hat mir 1000 Euro geklaut.“ Jens, der blaue Einweghandschuhe trug, nahm jeden Gegenstand einzeln aus der Handtasche, betrachtete ihn genau und nahm ihn auseinander. Auf dem Tisch vor ihm lagen bereits eine zerfledderte Packung Tempo-Taschentücher, ein offenes Schminkset, Tampons, und aufgerissene Schokoriegel. König, Plank, Dressel, Uschi und Markus Ritter wurden zusehends nervöser. Was, wenn die Tasche „sauber“ ist? die Frage aller Fragen hing wie ein Damoklesschwert über den Zöllnern. Welke spürte die Anspannung, die man Greifen konnte und drehte wieder auf, „Ich werde Euch auf Schadensersatz verklagen und wegen Freiheitsberaubung anzeigen, jetzt reicht´s, Ihr habt den Bogen überspannt. Jagd Rauschgiftschmuggler und nicht immer nur mich.“

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„So Herr Dukke, Ihr Zollbescheid ist fertig. Macht 3.800 Euro.“, rief Maria dem Juwelier zu, der nebenan seine Uhren wieder einpackte. „Vorher möchte ich aber noch kurz ihren Koffer röntgen“, ertönte Brunos energische Stimme, die keinen Widerspruch zuließ. „Nur zu, tun Sie sich keinen Zwang an“, antwortete Dukke lakonisch und dachte bei sich, „finden werdet Ihr aber nichts, so wie immer“. Bruno legte den Samsonite-Hartschalenkoffer auf das Röntgengerät und startete den Scan.

Crackpfeife, sichergestellt Zoll Flughafen München

Die Handtasche von Susanne Welke war fast leer. Jens nahm die letzten Sachen, drei Päckchen Marlboro-Zigaretten, von denen eine angebrochen war, heraus und betrachtete sie eingehend. Dann zerbröselte er jede einzelne Zigarette aus der offenen Schachtel. Mit einem resignierenden, „Das gibt´s doch gar nicht, da ist nix drin“, schleuderte er die zwei verbliebenen Zigarettenpackungen auf den Tisch. Welke setzte schon zu einer Art Triumphgeheul an, „Machen Sie mir jetzt endlich die Fesseln runter, die sind so eng, dass es weh tut, das gibt die nächste Anzeige wegen Körperverletzung.“ Fast wäre in ihrem Redeschwall das „Moment mal“, von Jens untergegangen. Als er die Zigaretten auf den Tisch knallte, sah er, dass sie dort schwer wie Steine liegen blieben. König der ungläubig zu Boden starrte, hob den Kopf und schaute Jens fragend an. „Ich hab` das Gefühl, dass die Zigarettenpackungen ne Ecke schwerer sind als normal, das Gewicht passt nicht.“ Jens riss die Zellophan-Folien der Marlboropäckchen auf. Welke verstummte schlagartig und erblasste. Alle versammelten sich um Jens herum und schauten ihm über die Schulter, als er das Stanniolpapier entfernte und vorsichtig eine Zigarette entnahm. „Da ist nicht nur Tabak drin“, legte er sich fest. Als er siegesgewiss die erste Zigarette zerkrümelte, kam ein Plastiktütchen mit weißem Pulver zum Vorschein. Plank schnaubte vor Erleichterung wie ein alter Ackergaul, König setzte sich an den Tisch und stützte seinen Kopf mit den Händen ab. Er fühlte, wie der aufgestaute Druck langsam entwich. Dressel und Ritter grinsten zufrieden und Jens wäre vor Freude fast geplatzt. Uschi lobte ihn, „Gut gemacht“. Dabei gab sie ihm einen Kuss auf die Wange, woraufhin er feuerrot anlief. Susanne Welke sackte auf ihrem Stuhl zusammen und heulte wie ein Schlosshund. Hubert Dressel legte dem erleichterten König die Hand auf die Schulter, „Du hast immer daran geglaubt, dass die Handtasche wieder auftaucht, ich ehrlich gesagt nicht.“ „Da gilt halt das 13. Gebot“, erwiderte König matt lächelnd, „die Zollfahndung hat immer Recht."

Röntgenbild Zoll Flughafen München

Foto: Hauptzollamt München

Bruno erkannte auf dem Röntgenbild sofort, dass in der Koffermitte eine leere Uhrenschatulle war. „Wo ist die dazugehörige Uhr?“, fragte er den Juwelier. „Das ist eine Schmuckschatulle für eine Grandmaster Chime aus Edelstahl von Patek Philippe“, die dazugehörige Uhr habe ich leider nicht, die kann nicht mal ich mir leisten“, erklärte Dukke dem Zöllner. „Warum haben Sie dann die Schatulle?“, hakte Bruno nach. „Ach, die habe ich billig gekriegt und sie ist ja sehr schön, auch ohne Uhr.“ Bruno ließ sich die schmucke Box zeigen und entleerte sie, indem er die üblichen Einsätze, wie den Uhrenhalter, herausnahm. Darunter verbargen sich erfahrungsgemäß oft Garantiezertifikate und Beschreibungen der Uhren. So auch in diesem Fall. Bruno Fix besah sich die Garantiekarte für eine Grandmaster Chime mit der Referenznummer 6300G, abgestempelt von einem Watch Trader in Sharjah/VAE am heutigen Tag. 

Es ging auf 22:00 Uhr zu und die Nachtschicht trudelte langsam ein. Bei dem Gedanken an das Schichtende und die Andeutung, die seine Frau Karin gemacht hatte, kam bei Hubert Dressel schon so etwas wie Vorfreude auf. Gerade wollte er seinen Schichtbericht abschließen als Bruno Fix ihn ansprach, „Der Dukke hat ´ne Schatulle für eine Grandmaster Chime von Patek Philippe im Koffer, ist aber leider leer. Er sagt, er hätte nur die Schatulle gekauft, weil ihm die Uhr zu teuer wäre. Die Garantiekarte ist aber drin.“ Dressel wünschte seinen Kollegen der Spätschicht frohe Weihnachten und schickte sie in den Feierabend. Dass es für ihn ausgerechnet heute etwas später wird, behagte ihm gar nicht. Anne Fels, seine Ablösung war zwar schon da, aber die Sache mit Dukke mussten Bruno und er schon noch selbst erledigen. Erst dann war Dienstschluss. 

Hans König und Benno Plank beendeten die Vernehmung von Susanne Welke und machten die Ermittlungsakten für die Staatsanwaltschaft und den Haftrichter fertig. In den beiden Marlboro-Packungen waren insgesamt 40 Gramm Heroin versteckt, ein Gramm in jeder Zigarette. Damit handelte es sich um eine sogenannte nicht geringe Menge, deren Schmuggel ein Verbrechen darstellt. Die Bereitschaftsstaatsanwältin aus Landshut ordnete deshalb die Festnahme der Susanne Welke und ihre richterliche Vorführung an. Susanne Welke verweigerte erwartungsgemäß die Aussage und war auch sonst ungewöhnlich schweigsam, außerdem fing sie leicht zu zittern an. 

Hubert Dressel wandte sich Uwe Dukke zu, „Sie haben die Schatulle und die Garantiekarte der Uhr, so was haben normalerweise nur die Eigentümer. Also Herr Dukke, wo ist die Uhr?“ „Ich hab` schon einmal gesagt, dass ich die Uhr nicht habe, wollen Sie jetzt vielleicht auch noch eine Leibesvisitation bei mir machen?“, empörte sich der gut gekleidete Juwelier, dessen lila Krawatte jetzt nicht mehr ganz so perfekt saß, wie zu Beginn der Zollabfertigung. „Nein, sie müssen sich nicht ausziehen“, erwiderte Dressel „wir nehmen unsere Metallsonde.“ Bruno Fix nahm die Sonde vom Haken an der Wand und schaltete sie ein. Es kam ihm wie ein Weihnachtswunder vor, dass sie einsatzbereit war. Normalerweise waren die Batterien leer und man musste erst neue einsetzen, bevor man die Sonde benutzen konnte. Als er damit den Brustbereich von Dukke abstrich, piepste sie auch schon. 

Polizeipräsidium München, Ettstr. 2, Löwengrube

Um genau 23:00 Uhr standen die beiden Zollfahnder mit ihrer Gefangenen in der Haftanstalt des Polizeipräsidiums München. Dort sollte Susanne W. die Nacht verbringen, bis sie tags darauf dem Ermittlungsrichter vorgeführt wird. Polizeikommissarin Anke Dobler prüfte den von König ausgefüllten Verwahrschein und musterte dann Susanne Welke. Was die beiden Zollfahnder nicht bemerkten, fiel ihr sofort auf. Der Schweiß auf Susannes Stirn und ihre zitternden Hände. „Ist die auf Drogen?“, stellte sie mehr fest, als dass sie fragte. „Gelegentliche Heroinkonsumentin“, antwortete Plank. „Ich bin kein verdammter Junkie, ich jag mir nicht die guns in die Venen, mir ist nur kalt“, behauptete Welke wenig überzeugend. „Die können wir nicht nehmen, die zeigt Entzugserscheinungen“, lehnte die Kommissarin die Aufnahme von Susanne Welke ins Polizeigefängnis kategorisch ab. 

Uwe Dukke griff in die Innentasche seines grauen Sakkos und nahm eine goldene Rolex-Armbanduhr heraus. Die beiden Zöllner jubelten innerlich. Dressel rechnete sich schon aus, wie lange es noch dauern würde, bis er endlich nach Haus zu seiner Karin konnte. Da folgte die Ernüchterung auf den Fuß. 

„Na gut, dann fahren wir halt nach Haar ins Bezirkskrankenhaus, dass muss heute Abend auch noch sein. Hab` ja sonst nichts Besseres vor“, moserte Plank, als er sich ans Steuer des Dienstwagens, einen feuerwehrroten Audi Quattro, setzte. Auf der Rückbank nahmen König und Welke Platz. „Weiß gar nicht, was Du hast. Ein kleiner Ausflug durch die verschneite Winternacht von der Stadtmitte in den wilden Münchner Osten hat doch auch was“, versuchte König lustig zu sein. „Sehr witzig“, kam zeitgleich von Plank und Welke zurück, worauf Hans König schmunzeln musste. 

eingeschneites Auto Flughafen München

Die goldene Rolex war eine Markenfälschung, die Dukke sich nur so aus Spaß auf dem Markt in Dubai gekauft hatte. „Die können Sie behalten, meine Herren“, zeigte sich der Juwelier generös. „Dann wären wir ja wohl fertig. Schönen Abend noch, ach ja und frohe Weihnachten.“ Damit ließ er die verdutzten Zöllner stehen und verließ gut gelaunt den Zollbereich. „Das war ja ein Schlag ins Wasser“, bedauerte Anne Fels ihre beiden Kollegen, denen die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand. „Wenigstens habt Ihr jetzt frei und könnt nach Hause gehen“, versuchte sie Dressel und Fix aufzumuntern. „Mich ärgert so was auch“, fuhr sie fort „und noch dazu bei einer Uhr, die über zwei Millionen Euro wert ist. „WIEVIEL?“ brach es aus Dressel raus. Er zog seine Winterjacke wieder aus und setzte sich an den Rechner. 

Die Turmuhr auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses München-Haar schlug zwölf. Hans König, Benno Plank und die mittlerweile wie Espenlaub zitternde Susanne Welke gingen über den knirschenden Kiesweg zum Verwaltungsgebäude der Klinik für Psychiatrie, als das Handy von Hans König klingelte. Es waren die Kollegen vom Flughafen. Die diensthabende Ärztin bestand auf einem richterlichen Haftbefehl, um Susanne Welke auf die geschlossene Station zu nehmen, was König schon befürchtet hatte. Der Fahnder konnte sie schließlich davon überzeugen, dass eine staatsanwaltschaftliche Festnahmeanordnung als Überbrückung für die paar Stunden bis zur Vorlage einer richterlichen Entscheidung ausreiche. Wenn auch nach langer Debatte. „Endlich Feierabend“, seufzte Plank als sie zum Parkplatz zurückgingen. „Noch nicht ganz“, zerstörte Hans König Planks Wunschvorstellung. 

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„Die Kollegen vom Flughafen haben beim Juwelier Dukke eine Schmuckschatulle mit Garantiekarte für eine Patek Philippe-Herrenarmbanduhr aus den Arabischen Emiraten gefunden. Weil die Uhr fehlte, haben sie bei der Airline nachgefragt und festgestellt, dass Dukke, der alte Fuchs, mit seiner Frau, geflogen ist. Die hat wahrscheinlich die Uhr rausgebracht, während er ein paar Rolex verzollt hat.“ „Na und, was sollen wir jetzt wegen der komischen Zwiebel machen?“, fragte der sichtlich genervte Plank. „Wir fahren schnell zu seiner Wohnung in der Sendlinger Straße. Wenn wir Glück haben, stehen wir schon vor der Tür, wenn die gerade vom Flughafen heimkommen“, erklärte er Benno seinen Plan. Den Einwand, dass der Aufwand nur wegen einer Uhr übertrieben sei, wischte er vom Tisch, „Für eine 2,2 Millionen Euro-Uhr, die wertvollste auf der ganzen Welt, nicht.“

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Gegen 00:30 Uhr stellte Benno Plank sein Dienstfahrzeug in der Sendlinger Straße im absoluten Halteverbot ab. Parken ganz schlecht, Sicht auf die Fenster von Dukkes Wohnung hervorragend, war die Devise. Das geräumige Appartement befand sich über Dukkes Uhrenhandlung im ersten Stock des noblen Altbaus. Die Zollfahnder kannten die Örtlichkeiten noch gut aus einem früheren Ermittlungsverfahren gegen ihn. Damals stand er im Verdacht, der Abnehmer, also Steuerhehler, von aus der Schweiz eingeschmuggelten Rolex-Uhren zu sein. König war von seiner Schuld überzeugt, konnte ihm aber letztendlich nichts Gerichtsverwertbares nachweisen. Die Wohnungsfenster waren dunkel. „Sind die schon daheim und gleich schlafen gegangen oder kommen sie erst noch?“, rätselte Plank. „Der Dressel hat mir vorher am Telefon gesagt, dass er so um 23:45 bei ihnen am Flughafen raus ist. Die sind bestimmt noch nicht da, müssten aber jeden Moment kommen“, schätzte König. „Der Dukke nimmt keine S-Bahn und auch kein Taxi, ist ihm zu unsicher, meinte Dressel. Also schauen wir einfach mal in der Tiefgarage nach, ob sein schwarzer Benz dasteht.“ König und Plank stiegen aus ihrem behaglich warmen Dienstwagen und gingen durch die knackige Kälte zur Tiefgarageneinfahrt. Sie liefen wie auf Eiern den schmalen und vereisten Gehsteig entlang des Fahrwegs hinunter zu den vermieteten Stellplätzen. Gerade als sie den großen und schwach beleuchteten Parkbereich absuchten, fuhr ein dunkler Mercedes direkt an ihnen vorbei und schwenkte in die nächstgelegene Parkbucht ein. Die Fahrzeugtüren öffneten sich und der elegante Uwe Dukke und seine nicht minder mondäne, blondgefärbte Frau stiegen lachend und scherzend aus. König und Plank sahen sich ungläubig an und konnten ihr Glück gar nicht fassen. Keine drei Meter von ihnen entfernt stand ihre Zielperson. Langsam gingen sie auf das Ehepaar zu. Als Uwe Dukke die beiden sah, erstarrte er. „Guten Abend Herr Dukke, darf ich um die Uhr bitten?“. Königs Aufforderung war höflich, aber ungewöhnlich scharf im Ton. „Schatz, was sind das für Männer?“ flüsterte Frau Dukke ihrem Mann ängstlich zu. „Das ist die Zollfahndung“, antwortete der mit tonloser Stimme. Sein süffisantes Lächeln, das immer dann seine Lippen umspielte, wenn er mit Zollbeamten zu tun hatte, gefror auf seinem Gesicht. Er griff in die Innentasche seines Sakkos und übergab König eine goldene Uhr. Das schummrige Licht in der Tiefgarage behinderte zwar die Sicht  auf die Uhr, half Dukke aber nicht.

Der erfahrene Zollfahnder fühlte allein schon an dem blechernen Armband, dass er eine Markenfälschung in der Hand hatte. Er hielt kurz seine Handy-Taschenlampe auf die Fake-Goldrolex und sah sich bestätigt. „Herr Dukke!“, seine Geduld war nun am Ende, „Für wie blöd halten Sie mich eigentlich, mir ´ne goldfarbige Rolex-Imitation für eine Patek Philippe aus Stahl anzudrehen.“ König war jetzt richtig sauer, seine Müdigkeit wich dem Ärger über Dukkes dreisten Versuch. „Wir werden jetzt Sie, Ihr Auto und zum Schluss Ihre Wohnung durchsuchen. Wenn das nicht reicht auch noch Ihren Laden. Bin gespannt, was wir da alles finden werden.“ Dukke protestierte schwach, „Das dürfen Sie gar nicht ohne Haussuchungsbefehl“. Weil ihm klar war, dass er eine Durchsuchung nicht verhindern konnte und ihm schlecht wurde bei dem Gedanken, was da alles zum Vorschein kommen könnte, lenkte er schließlich ein. „Es geht hier ja nur um die eine Uhr. Also gut, die können Sie haben.“ Mit einem resignierenden Kopfschütteln griff er in die Hosentasche und überreichte König die unverpackte Patek Phillipe aus kaltem Stahl. 

An 24. Dezember um 01:20 klingelte Dressels Privat-Handy. „Ja Hallo“, meldete sich eine verschlafene Frauenstimme. „Hallo Karin, ich bin`s Hans König, sorry für die Störung so spät noch, kann ich Hubert sprechen?“ „Der ist grad eingeschlafen, was habt Ihr denn mit dem gemacht, der kam fix und fertig heim?“ „Nichts Schlimmes, sag ihm bitte, wenn er wieder wach ist, wir haben seine Uhr beim Juwelier abgeholt.“ „Was! Um diese Zeit noch?“ „Früher ging´s leider nicht, Benno und ich wünschen Euch ein ganz tolles Weihnachtsfest.“ „Euch auch“, entgegnete Karin, „aber seid mir nicht böse Jungs, die nächsten paar Tage mag ich von Euch nichts  mehr hören und sehen.“ 

Weihnachten am Flughafen München Zoll

Um 02:00 Uhr am Morgen des 24. Dezember standen Hans König und Benno Plank an der Theke des Sozialraums in ihrer Dienststelle an der Landsberger Straße und tranken eine Büchse Tankstellenbier. Die Patek Philippe und 40 Gramm in Zigaretten verstecktes Heroin lagen sicher im Tresor des Zollfahndungsamts München; die Arbeit war fast getan, bis auf die Erledigung des Strafzettels der Polizeiinspektion 11 wegen Parkens im absoluten Halteverbot in der Sendlinger Straße. „So wie wir das heute gemacht haben, kann man sich auch auf Weihnachten vorbereiten“, sinnierte König. „Glühwein trinken und Christkindlmärkte werden eh` überbewertet", ergänzte Benno Plank, „stell Dir mal vor die hätten eben unser Auto abgeschleppt“. „Machen die eigentlich immer bei absolutem Halteverbot, glücklicherweise heute mal nicht“, freute sich König und nahm einen Schluck Bier aus der Dose. Offensichtlich hatten sich die Polizisten der Altstadtwache in dieser eisigen Winternacht an das 14. Gebot gehalten: „Schleppe niemals feuerwehrrote Einsatzfahrzeuge der Zollfahndung ab“. 

Heilig Abend, Die letzte Schicht vor Weihnachten

Heilig Abend, 22:00 Uhr:

München, Stadtteil Trudering

Die katholische Pfarrkirche Peter und Paul in der Kirchenstraße war zur Christmette bis auf den letzten Platz gefüllt. Das einzige Mal im ganzen Jahr, wie der Pfarrer in seiner Predigt bedauernd anmerkte. 

Sepp Buchner verschlief den ganzen Nachmittag, weil er schon mittags um zwölf fast eine ganze Flasche Metaxa getrunken hatte. Als er um 20:00 Uhr mit einem schweren Schädel aufwachte, stellte er mit Schrecken fest, dass der Heilige Abend noch lange nicht vorbei ist. Gerade als er sich im Bad mit kaltem Wasser das Gesicht erfrischte, klingelte es an der Tür. Seine Nachbarn Gustaf Gansl und seine Frau Traudl brachten ihm einen großen Teller mit Plätzchen und luden ihn bei der Gelegenheit gleich zur traditionellen Gulaschsuppe nach der Christmette zu sich ein. Sepp, dem seine Alkoholfahne peinlich war, hatte für das Abendessen nur Brot und Käse eingekauft. Eine heiße Gulaschsuppe wär schon was, dachte er sich und sagte zu. „Sehr schön“, freute sich Traudl, „wir holen Dich um neun zur Christmette ab“, verkündete sie dem verdutzten Sepp. Zu spät fiel ihm ein, dass Christmette und Gulaschsuppe traditionell zusammengehören. Das eine geht nicht ohne das andere. Und so saß Sepp Buchner in der Truderinger Kirche und genoss den Gottesdienst, genauso wie später die Gulaschsuppe.

Drei Reihen hinter ihm saßen Ignatz Müller und seine Mutter Roswitha. Sie trug ihren neuen blauen Wintermantel und war stolz auf ihren Sohn, der so fleißig gearbeitet haben muss, um ihr ein so teures Weihnachtsgeschenk zu machen. Das Mittagessen beim Edel-Italiener war sicher auch nicht ganz billig. Als der Pfarrer predigte, überlegte Ignatz ob er zur Beichte gehen und um Vergebung seiner Sünden bitten sollte. Da hatte er eine bessere Idee. Mit zwanzig Euro in den Klingelbeutel ist der Kirche mehr geholfen, als mit seiner Beichte, außerdem verspürte er kein gesteigertes Verlangen, zur Buße zehn Mal den Rosenkranz zu beten.

München, Stadtteil Riem-Messestadt

Alive Haji, die Peter Kuhn zum Gänsebratenessen in ihr kleines aber gemütliches Appartement eingeladen hat, wollte eigentlich später mit ihm in die Christmette gehen. Sie tranken roten Wein aus dem Kosovo und merkten mit jeder Minute, die sie zusammen verbrachten, dass sie mehr als gute Freunde sind. Der Kirchgang interessierte sie da schon lange nicht mehr, genauso wenig wie die Frage, wo die Gans für den leckeren Braten eigentlich herkam. Alive glaubte an diesem heiligen Abend so fest wie niemals zuvor an das Wunder von Weihnachten. Anders wäre es nicht möglich gewesen sich in jemanden zu verlieben, dessen erste Worte "Zollkontrolle, öffnen Sie bitte Ihren Koffer" waren.

München, Stadtteil Mittersendling

Hans König verschlief den ganzen Tag und kam gerade noch rechtzeitig bei seiner Ex-Frau Gaby an. Fast hätte er in der Eile noch ihr Weihnachtsgeschenk vergessen. Als sie ihm die Türe öffnete, strahlte sie ihn an, „Ein Wunder muss geschehen sein. Du bist tatsächlich da und auch noch pünktlich.“ Er lächelte verschämt, „und Dein Geschenk hab ich auch nicht vergessen“. Sie umarmte ihn, „heute muss tatsächlich Weihnachten sein.“ Gerade als er ihr das Weihnachtsgeschenk überreichen wollte, klingelte sein Handy und Benno Plank war dran. 

München, Stadtteil Schwabing

Hubert Dressel machte mit seiner Frau Karin einen ausgedehnten Abendspaziergang durch Schwabing. Kurz bevor der Christkindlmarkt bei der Münchner Freiheit schloss, tranken sie einen köstlichen Glühwein und zum Schluss noch einen letzten mit dem Standbetreiber, wie viele es dazwischen waren zählte niemand mehr. Es fing, das erste Mal seit vielen Jahren an einem 24. Dezember, in München zu schneien an. In dieser zauberhaften Nacht kam nicht nur das Christkind, es wurde auch eines gemacht.

Ende

Christkind in der Krippe Pfaffenhofen/Ilm

Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Bleiben Sie auch 2026 zuversichtlich und neugierig beim Erkunden der Welt.   

Für 2026 wünschen wir Ihnen..  

antelope canyon, USA-Reisen und Zoll

..tiefe Einblicke

Der Antelope- oder auch Slot-Canyon befindet sich im Südwesten der USA in der Nähe von Page/Arizona

Grand Canyon, Erlebnisse bei Auslandsreisen, Zollkontrollen

..und atemberaubende Aussichten

Blick vom South Rim über den Grand Canyon in Arizona

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